Montag, 23. Mai 2016

Humanismus ist Feminismus ist Antirassismus ist Antifaschismus

Eine Trope, welche vor Allem in den Monaten seit den Wahlerfolgen der neofaschistischen Parteien in Deutschland und Europa häufig auftaucht, gebiert sich offenbar aus dem Theorem des begrenzten Pools an Aufmerksamkeit. Es lautet:
«Musst du jetzt schon wieder mit deinem Feminismusthema kommen? Die Rechten übernehmen Europa, wir haben jetzt wirklich wichtigeres zu tun!»
Komplett unabhängig von der Frage, ob es wirklich nur eine begrenzte Menge an Aufmerksamkeit gibt, welche auf bestimmte Themen verteilt werden kann, gibt es einen Zusammenhang, der offenbar nicht hinreichend offensichtlich genug dargestellt wurde:
Feminismus, Antirassismus, Antifaschismus, Humanismus, linke Politik und all diese Themen sind alles dasselbe.
Das klingt vielleicht erst einmal sehr merkwürdig, unter anderem weil wir diese Themen sehr selten miteinander verbinden und von jedem dieser Themen eine ganz genaue Vorstellung haben. Sehr häufig geht diese Vorstellung jedoch deutlich über die eigentliche Definition des Wortes hinaus. Also schauen wir uns einmal an, was hinter diesen ganzen Konzepten steckt:
  • Feminismus ist die Idee, die Menschen und ihre Interaktionen miteinander zu transformieren. Das Ziel dabei ist der Abbau von Erwartungshaltungen, Machtgefällen und ähnlichem mit dem Ziel einer respektvollen Interaktion zwischen Gleichen.
    Der Rest des Feminismus besteht daraus, den anderen Menschen den Raum zu geben zu tun was sie wollen, solange es niemandem schadet, egal, ob man es jetzt versteht, nachvollziehen kann oder selbst so tun würde oder nicht.
    In der Folge sollen die Menschen im Ideal des Feminismus in ihrem Leben gefördert werden, so dass es ihnen ermöglicht wird, ihr Leben zu leben und sich frei zu entfalten, so dass 
  • Antirassissmus ist im Grunde die Idee, Vorurteile und Erwartungshaltungen abzubauen, um zu erreichen, das die Menschen respektvoller miteinander umgehen und einander als gleichberechtigt empfinden.
    Die bestehenden kulturellen Unterschiede soll man akzeptieren und schätzen lernen und die Leute ihre Kultur ausleben lassen, solange sie niemandem schadet egal, ob man sie versteht, nachvollziehen kann oder ob man selbst auch so handeln würde.
  • Antifaschismus ist der Widerstand gegen Vertreter einer Kultur, welche Menschen mit Vorurteilen und Erwartungshaltungen belegt, Machtgefälle schafft und versucht, Respektlosigkeit und Misstrauen zu säen.
    Man möchte zudem erreichen, dass die Kriminalisierung von von der Norm abweichendem Verhalten nicht kriminalisiert wird, sondern akzeptiert wird, solange sie keinem schadet.
  • Humanismus ist eine wichtige Grundlage linker Politik. Dabei geht es vorrangig um den Schutz und die Durchsetzung der Menschenrechte, insbesondere der Achtung der Menschenwürde und der freien Entfaltung des Individuums.
Die Forderungen von jeder dieser Konzepte lassen sich auf einfache Punkte herunter brechen:
  1. Respektvoller Umgang miteinander
  2. Freiheit des Individuums im Rahmen des gesellschaftlich möglichen
  3. Förderung der Individuen in ihrer freien Entfaltung
Diese Ideale sind absolut dieselben. Daher schrieb beispielsweise Bell Hooks bereits 1981 in ihrem Buch «Ain't I A Woman: Black Women and Feminism»: Feminismus ist nur möglich, wenn auch gegen Rassismus vorgegangen wird. Diese These wird auch in ihrem Buch «Feminist Theory: From Margin to Center» aus dem Jahr 1984 noch einmal untermauert. Und auch wenn viele Gegner des Feminismus etwas anderes behaupten, so erkennt man nach einer Betrachtung der Liste oben doch recht schnell, dass Humanismus, Antirassismus und Feminismus sehr stark kongruent sind.
Jetzt kann man natürlich immer noch sagen: ja, das Ziel ist ja dasselbe, aber der Fokus ist anders und wir müssen uns halt um die Dinge nacheinander kümmern.
So funktioniert das aber auch nicht. Wir haben es zwar mit verschiedenen Symptomen zu tun – ob der Hass auf und die systematische Benachteiligung von Frauen, die Anfeindungen gegen Ausländern oder Anhängern kleinerer Religionsgruppen oder ähnliches – aber die Ursachen sind in jedem Fall dieselben. Rassismus, Misogynie, Antisemitismus, Antiislamismus, Faschismus und alle anderen derartigen Bewegungen fußen alle auf denselben Dynamiken: Stereotypen, Machtgefälle, Entmenschlichung und Angst. Und solange man diese gemeinsamen Wurzeln nicht erkennt und angeht, sondern stattdessen die Symptome an der Oberfläche der Gesellschaft zu richten versucht, wird man bei keinem dieser Problemfelder nennenswerte Fortschritte erkennen können.
Ist dieser Zusammenhang denn in der Realität relevant? Zur Beantwortung dieser Frage sollte man sich vergegenwärtigen, dass zum Beispiel bei der Bundespräsidentenwahl 2016 in Österreich Frauen vorrangig den Kandidaten der progressiven Grünen unterstützt haben, während deutlich mehr Männer auf der Seite des Kandidaten der FPÖ standen. Daran sieht man, dass Feminismus auch eine politische Dimension in ganz anderen Fragen aufweist. Und dass Frauen aus ihrer Lage heraus offenbar andere politische Bedürfnisse haben.
Wir müssen den Menschen beibringen, dass wir miteinander respektvoll umgehen müssen. Ganz unabhängig davon, wie wir aussehen, welches Geschlecht wir haben, wo wir her kommen und hin gehen, welche Vorlieben und Spleens wir haben und so weiter. Wir müssen einander wieder klar machen, dass jeder Mensch gleich wertvoll ist, auch wenn nicht jeder Mensch gleich ist.
Sollte uns dies eines Tages gelingen, dann haben wir gleichzeitig all diese Probleme auf einmal gelöst.