Mittwoch, 23. Juli 2014

Vom Sinn und Unsinn des Lamentierens über DDR-Ethik

Wie «Wissenschaftler» jetzt «herausgefunden» haben sollen, seien Menschen, welche in der DDR aufgewachsen sind, ethisch und moralisch defizitär. Bewiesen wurde das durch ein Würfelspiel, welches verschiedenen Berlinern die Möglichkeit gab, zu betrügen oder nicht. Die daraus abgeleitete Behauptung ist, dass Menschen, welche in kapitalistischen Systemen aufgewachsen sind, ethisch denen überlegen seien, welche in sozialistischen Systemen aufgewachsen sind.
Das aus dem Experiment abzuleiten erscheint jedoch bei genauerer Betrachtung eine eher verwegene These.

Spieltheorie?

Zuerst einmal handelt es sich dabei um ein Spiel. Menschen haben zu Spielen durchaus verschiedene Einstellungen; während die einen den Spielraum von Regeln gerne ausreizen und teilweise wahrscheinlich sogar übertreten, gibt es auch Menschen, welche sich streng an das halten, was sie als Regeln verstehen. Und es gibt wiederum Menschen, welche sich und ihren Mitspielern im Spiel zusätzliche, unausgesprochene Regeln auferlegen. Dann darf man beispielsweise keine Züge vornehmen welche als gewaltsam empfunden werden, auch wenn dies eigentlich zum Spiel gehört.
Wenn man nun bei den Ostdeutschen Würfelspielern eine Tendenz festgestellt hat, die Spielregeln auszureizen oder zu übertreten, so sagt das vielleicht etwas über die Spielkultur aus, welche in der betroffenen Region vorzuherrschen scheint. An dem Punkt sind gesellschaftliche Ähnlichkeiten bei Menschen, die üblicherweise miteinander verkehren, nicht unwahrscheinlich, da es schwierig ist, ein Spiel bei unterschiedlichen Auffassungen der Regeln zu spielen. Es liegt also nahe, dass die Ost- und Westdeutschen Probanden eher in ihren eigenen «Kulturkreisen» unterwegs sind als miteinander etwas zu erleben.
Was man jedoch ziemlich schwer daraus ableiten kann ist, wie sich diese Menschen ausserhalb des Spieles verhalten. Beim Spiel geht es explizit darum, zu gewinnen. In einer ethisch komplizierten Situation des realen Lebens hingegen geht es für die meisten Menschen darum, das zu tun, was ihrem Gewissen am besten tut. Dies ist oft ein starker Unterschied zur Handlungsweise in Spielen: wenn man dort gewinnt oder verliert, gibt man einander die Hand und spielt noch eine Runde. Im realen Leben hat man nicht immer die Möglichkeit.
Die direkte Schlussfolgerung erscheint jedoch auch als eine Folge dessen, dass die Leiter dieser Studie dem anhaltenden Trend folgen, die Welt mit den Mitteln der Spieltheorie modellieren zu wollen. Dies bietet sich an, weil sie ein einfaches Modell darstellt: jeder handelt immer zu seinem eigenen Vorteil. In einem solchen Modell liegt es nahe, dass jemand, der im Spiel gerne die Regeln ausreizt, im realen Leben auch zu rücksichtslosem Verhalten tendiert. In der Realität sind Menschen jedoch nicht immer unbedingt eindimensional.

Ganz Gallien?

Ein weiterer Punkt ist, dass diese Studie laut Aussagen des Artikels in Berlin durchgeführt wurde, die Ergebnisse jedoch als Aussage über die ethische Erziehung aller ehemaligen Einwohner der DDR interpretiert werden. Es ist unter den oben genannten Gesichtspunkten nicht auszuschliessen, dass eine erneute Durchführung der Studie in Chemnitz oder Stuttgart ein ganz anderes Ergebnis brächte, und dass man in Zinnowitz und Schönau im Schwarzwald wieder anders darüber denkt, wie man richtig spielt.
Die Studie selbst hat also hauptsächlich herausgefunden, dass Menschen, die in der DDR geboren wurden und in Berlin leben, offenbar beim Spielen die Regeln etwas grosszügiger auslegen als Menschen, welche nicht in der DDR geboren wurden und in Berlin leben.

25 Jahre Veränderung

Der letzte kritische Punkt, welcher sich beim Lesen aufdrängt, ist, dass die Leute, welche in der DDR aufgewachsen sind, mittlerweile eine 25-jährige persönliche Entwicklung hinter sich haben, welche nicht in der DDR stattfand, sondern unter den Bedingungen, welchen die ostdeutschen Regionen immer noch unterliegen. Dieser Punkt ist so in etwa der merkwürdigste am ganzen Artikel, denn es wird kurz erwähnt, dass die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland nicht so toll aussieht. Anschliessend wird das aber nicht weiter in Erwägung gezogen, sondern die These aufgestellt, dass die Studie ganz klar dargelegt hat, dass die Erziehung der Fehler sei.
Dabei liegt es eigentlich auf der Hand, dass man bei solchen Vergleichen die Effekte der 25 vergangenen Jahre nicht ausser Acht lassen darf. Es ist beispielsweise ein allgemein bekanntes und dokumentiertes Problem, dass sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die Löhne im Osten des Landes stark von den Werten der Altbundesländer abweichen. Viele, die in Ostdeutschland beheimatet sind, haben keine Arbeit und müssen noch dazu mit einem niedrigeren Satz an sozialer Unterstützung auskommen als ihre westdeutschen Arbeitslosigkeitskollegen. Und das ist nur einer von vielen Unterschieden des Lebens in den verschiedenen Bereichen des Landes.
Freilich hat sich die Studie auf Berlin beschränkt, doch auch innerhalb Berlins gibt es immer noch starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtteilen und deren Bevölkerung. Gerade dort öffnet sich die Schere zwischen den Bevölkerungsschichten immer weiter. Der soziale Stand wird in die verschiedenen Stadtteile einsortiert. Das System, welches den finanziell starken bevorteilt, steht somit auf der Seite der Westberliner und derer, welche eben nicht in der DDR aufgewachsen sind.
Selbst wenn die oben genannten Probleme mit der Studie nicht bestünden, sind dies gravierende Unterschiede, welchen eine seriöse Auswertung der Ergebnisse der Studie genauer hätte auf den Grund gehen müssen.

Klischees werden bedient

In Anbetracht dessen, dass diese drei sehr wichtigen Punkte bei der Auswertung der Studie unter den Tisch gefallen sind, sollte man sich fragen, weshalb die Ergebnisse dennoch medial so weit verbreitet wurden. Der Grund dafür ist, dass sie in ein Klischee passen, welches von einer breiten Masse der Bevölkerung getragen wird. Sie liefert Erklärungen dafür, warum der Osten Deutschlands auch nach der Befreiung von dessen Unrechtsregime noch nicht glücklich und wirtschaftlich erfolgreich geworden ist. Indem man die Bevölkerung als degenerierte, unwillige Sklaven ihres ehemaligen Regimes darstellt, muss man sich keine Fragen darüber gefallen lassen, was denn bei der Integration dieses Landesteiles schief gegangen ist.
Somit wird immer wieder dasselbe Profil geschärft, welchem grosse Teile der Bevölkerung Glauben schenken. Der Grundton ist, dass es sich bei den neuen Mitbürgern um schlechte Menschen handelt. Das ist eine gefährliche Nachricht, welche eine wahre Wiedervereinigung des Landes in Frage stellt. Aber es ist auch die Nachricht, welche sich gut verkauft, weil sie glaubwürdig ist.
Somit erklärt sich auch, weshalb die Leiter dieser Studie so leichtfertig zu dem Ergebnis gekommen sind: es ist das vertraute Bild, und auch wenn die Schritte von Beobachtung zu Beweis fehlen, so braucht es diese im Kopf gar nicht mehr. Das Ergebnis ist ja klar.
Somit legt diese Studie vor Allem einen Schluss nahe: dass es noch viel Arbeit braucht um die beiden Teile Deutschlands wirklich wieder miteinander zu versöhnen.