Sonntag, 29. September 2013

Nudeln vom Discounter und Studium im Wald

Ich habe ja eine ganz besondere Beziehung zu Nudeln mit Ketchup. Auch ich war einmal ein Student, und das in nicht besonders angenehmen Verhältnissen. Insofern unterscheidet meine Geschichte nicht allzu viel von denen, welche bereits unter #NudelnMitKetchup geteilt wurden. Aber es ist meine Geschichte und ich möchte sie schon noch separat los werden. In dieser Form habe ich sie noch nie jemandem vollständig erzählt, nicht einmal meine Mutter weiss, wie damals alles verlaufen ist und in welcher Situation ich mich befand. Es ist eben nicht leicht, so etwas zuzugeben, da Mangel in unserer Gesellschaft geächtet ist.
Ich verbrachte meine Schulzeit wie so viele meiner Vorredner an einem Gymnasium unter Umständen, mit denen ich so ziemlich alleine da stand. Meine Mutter war Akademikerin, ja. Sie studierte und hatte zwei Nebenjobs, um mich irgendwie mit durchzubekommen. Alle anderen an meiner Schule waren Kinder von Professoren, Doktoren, Ärzten, Notaren. Kurzum: die Nachwuchs-Avantgarde der Gesellschaft. Aber um die Schulzeit soll es ja auch nicht gehen. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass ich durch kam und nicht hungern musste, und ich habe dafür gesorgt, dass Nachrichten über Klassenfahrten und Schulfeste gar nicht erst zu ihr durch drangen und sie noch mehr finanziell belasteten. Es lebte sich.
Die schwierige Zeit begann eigentlich, als mir der Brief mit der Einberufung ins Haus flatterte. Ich sollte mich während der Schulzeit im 40 Kilometer entfernten Kreiswehrersatzamt einfinden. Also begann ich und schrieb ein 300-seitiges Pamphlet zum Thema Pazifismus, Leben, Tod und Gewissen, schwang mich auf mein Fahrrad und gab mir alle Mühe, rechtzeitig aufzutauchen. Wer hat denn schon Geld für öffentliche Nahverkehrsmittel; das Bisschen Geld auf dem Konto wollte ich mir für alle Eventualitäten aufheben. Pünktlich zum Kunstunterricht war ich dann auch wieder in der Schule.
Da sich kein klar denkender Mensch 300 Seiten durchlesen würde, wurde ich also zum Zivildienst beordert. Meine Stelle war im Schwarzwald. Also kratzte meine Mutter ihr Geld zusammen und bezahlte mir den Umzug, mein Vater (geschieden von meiner Mutter) konnte das Geld für die Kaution aufbringen, meine Grosseltern hatten jahrelang gespart um mir einen Führerschein bezahlen zu können, und so zog ich in eine Wohnung ein, welche nur 25 Kilometer von der Zivildienststelle entfernt war und nur 450 Höhenmeter höher lag. Das geschah noch im Juli, direkt nach dem Abitur.

Warten auf den Zivildienst

Ich war da, meine Zivildienststelle leider nicht. Also begann ich mich nach Jobs umzuschauen. Ich musste jedem potentiellen Arbeitgeber wahrheitsgemäss sagen, dass ich den Job jederzeit aufgeben können müsste um mit dem Zivildienst zu beginnen. Als Ungelernten wollte mich natürlich keiner zu solchen ungünstigen Konditionen haben, also blieb mir nur der Gang zum Arbeitsamt. Dort konnte man mir allerdings nicht helfen, da es nach Ende der Schulzeit eine Sperrfrist gab, innerhalb derer man keine Bezüge vom Arbeitsamt bekommen konnte.
Ich hielt mich also mit Praktika über Wasser. Ich arbeitete einmal 4 Wochen lang in einem Krankenhaus um den Patienten das Essen anzureichen, sie zu baden und Kathederbeutel und volle Windeln zu entleeren.Dort versprach man mir, mich für meine Unkosten und noch etwas mehr zu entlohnen. Als ich einen Monat nach dem Praktikum immer noch kein Geld erhalten hatte, fragte ich einmal nach und bekam die Antwort «Na, für solche Arbeit können wir Ihnen leider nichts geben.»
Auf dem Arbeitsamt empfahl man mir dann, beim Sozialamt (gibt es so etwas heute eigentlich noch?) einen Antrag auf Wohngeld zu stellen. Gesagt, getan. Man sagte mir, dass der Antrag vermutlich etwas länger brauchte, da gerade Feriensaison sei (im August oder so).
Die Monate strichen ins Land und mein Konto ging immer weiter gegen 0. Zum Glück bekam ich jeden Monat eine kleine Unterstützungszahlung von meiner Mutter. Ich reduzierte meine Nahrungszufuhr und versuchte, wenn ich nicht gerade zu Praktika ging, ruhig im Wald zu liegen und möglichst wenig Energie zu verbrennen. Ich begann, mich von Spaghetti aus dem Edeka in der nahe gelegenen Stadt zu ernähren, welche nur 0.49€ für ein Kilo kosteten. Von Zeit zu Zeit machte sich mein Grossvater auf die stundenlange Fahrt zu mir, um mich für ein paar Tage zu meiner Familie zu bringen und mir ein paar Esswaren da zu lassen.
Wer jedoch nicht sehr kommunikativ war, waren das Bundesamt für Zivildienst und das Sozialamt. Bei beiden Stellen hiess es immer nur, ich solle mich bitte gedulden, mein Antrag werde bearbeitet. Und so begann es zu frieren und zu schneien. Praktikum um Praktikum vergingen, aber einen Job fand ich nicht.
Schliesslich, Anfang Januar, flatterten mir zwei lang erwartete Briefe ins Haus.
Der erste war vom Bundesamt für Zivildienst. Ich durfte auf Anfang Februar meinen Zivildienst endlich beginnen. Das Warten hatte ein Ende! Nach 7 Monaten warten würde ich endlich wieder leben dürfen!
Der andere war vom Sozialamt. Man habe gehört, dass ich jetzt Zivildienstleistender sei. Als Zivildienstleistender habe ich keinen Anspruch auf Wohngeld, und mein Antrag werde daher vollumfassend abgelehnt.

Ankunft in der Universität

Der Zivildienst verlief finanziell gesehen sehr positiv. Ich bekam einen Sold von immerhin 7.40€ am Tag und man zahlte mir die Wohnung. Ich bekam sogar von der Zivildienststelle Essen und ein lieber Arzt, der dort arbeitete, brachte mir ab und zu selbstgebackenes Brot mit. Ich hatte den Eindruck, im Schlaraffenland zu leben. (Auf allen anderen Ebenen war der Zivildienst nicht so toll und ich könnte darüber sicher noch eine Reihe von Blogposts schreiben, aber das verbietet ja das Papier, welches ich als Zivildienstleistender unterschreiben musste.)
Aufgrund der 7 Monate Verzögerung zum Beginn des Zivildienstes überlappten leider das Ende selbigens und der Beginn des Semesters an der Universität deutlich. Ich hatte mir zwar allen Urlaub des Zivildienstes auf das Ende der Zeit gelegt, doch teilte mir die Pflegedienstleitung als ich bereits im Urlaub hätte sein sollen mit, dass ich «jetzt schon bis zum Ende verplant sei und ich das früher hätte anmelden müssen». Also tauschte ich Schichten mit anderen, so dass ich nur noch Spät- und Nachtschichten hatte, fuhr morgens zur Uni und kam mittags zurück, um rechtzeitig zum Zivildienst aufzutauchen. Dass ich eine schriftliche Erklärung bei der Matrikulierung abgegeben hatte, dass ich meinen Urlaub benutzen würde, da ich eigentlich nicht während des Zivildienstes studieren durfte, war dabei erst einmal egal.
Ich nahm mir auch einen Nachmittag frei um für das Ende meines Zivildienstes BAFöG zu beantragen. Vorzeitig, da ich wusste, dass einige meiner Kommilitonen damit grosse Probleme hatten und lange darauf warten mussten. Man forderte mich auf, Kontoauszüge für die letzten 10 Jahre vorzulegen (kein Witz!) und meine Eltern einige Formulare ausfüllen zu lassen. Zum Glück bin ich ein sehr gewissenhafter Mensch und hatte tatsächlich Kontoauszüge 10 Jahre in die Vergangenheit.
Ich wurde dann noch ein paar Mal vorgeladen um Kontobewegungen aus diesen 10 Jahren zu erklären. Diese waren nicht immer ganz einfach, da es mir nicht so leicht fällt, mich zu erinnern, wofür ich 7 Jahre in der Vergangenheit eine Zahlung über 100DM erhalten hatte und dergleichen. Ich fand das damals gar nicht so absurd, 100DM waren für mich schon immer sehr viel Geld gewesen.
Nun begab es sich, dass ich zum Ende meines Zivildienstes eine Entschädigungszahlung des Staates über 650€ erhielt. Das machte die Herren des BAFöG sehr erbost und ich erhielt eine dreimonatige Sperre für das BAFöG, die ich erst «aus eigenen Mitteln» leben sollte, solange ich diese noch hatte.
Schliesslich wurde mein BAFöG bewilligt. Meine Mutter durfte 50€ zahlen, mein Vater musste gar nichts zuzahlen, da er zu wenig Geld hatte. Der Staat gab mir saftige 240€ im Monat dazu. 290€ BAFöG sind schliesslich genug für jedermann. Für die Wohnung bekam ich leider kein Geld, da sie ausserhalb des Landkreises Freiburg lag, somit musste ich die immerhin 207.55€ dafür selber berappen.

Logistik

Da ich mit der Wohnung noch auf den Zivildienst eingestellt war, musste ich ebenfalls jeden Morgen um 5 Uhr aus dem Haus laufen (das Fahrrad konnte ich nicht benutzen, da sonst die Fahrt teurer geworden wäre). Um 5:45 Uhr fuhr 4 Kilometer und 220 Höhenmeter weiter in der Stadt der Bus auf den Pass der Bergkette, die uns von Freiburg trennte. Der erste Bus aus meinem Dorf fuhr erst viel später. Auf dem Pass angekommen musste ich in einen anderen Bus umsteigen, welcher eine Weile später etwa eine Stunde lang über sämtliche Dörfer der Umgebung bis zum nächstgelegenen Bahnhof der Höllentalbahn fuhr. Der Bus schlängelte sich dabei über malerische Serpentinen vorbei an von betrunkenen Jägern erschossenen Verkehrsschildern ins Tal. Dort verpasste ich dann stets die Regionalbahn und durfte eine halbe Stunde warten um dann schliesslich um 07:43 im Freiburger Hauptbahnhof anzukommen; gerade früh genug um die erste Vorlesung zu erreichen.
Der Heimweg war etwas anders. Ich konnte dann mit der Höllentalbahn bis zum Feldberger Bahnhof fahren, dem höchstgelegenen Bahnhof Deutschlands, in dessen Nähe ich bereits ein paar Praktika gemacht hatte. Nach einiger Wartezeit kam dort dann auch ein Bus vorbei, welcher mich wieder die Serpentinen hinab bis zu meiner Wohnung fuhr. Ich musste nicht einmal weit laufen. Das Problem war nur der Donnerstag, denn donnerstags hatte ich Astrophysik bis 21:45 Uhr. Um diese Zeit fuhr kein Bus mehr zu mir nach Hause. Also fuhr ich im Sommer nachts mit dem Fahrrad über die Berge nach Hause und verbrachte im Winter viele Nächte im Computerpool der Physik oder nutzte meine Monatskarten, um bei einem Freund in Basel zu übernachten. Ich musste dabei aber stets darauf achten, dass er nicht erfuhr, weshalb ich ihn fast wöchentlich besuchte; wer will sich schon gerne diese Blösse geben?
Ich bin ihm bis heute zutiefst dankbar dafür, dass er das ohne weitere Fragen für mich gemacht hat.
Aber die Fahrkarten waren in der Tat ein weiteres Problem. Als Student hatte ich Anspruch auf ein Semesterticket im Landkreis Freiburg, wofür ich lediglich einmal pro Semester 50€ auf den Tisch legen musste, also 9€ im Monat. Ich wohnte nun allerdings ausserhalb des Landkreises und somit ausserhalb des Verkehrsverbundes, für den dieses Ticket gültig war. Ich hatte also die Wahl, mir für 68€ im Monat noch ein Monatsticket meines eigenen Landkreises zu besorgen, oder ich konnte das Monatsticket aus der Schweiz nehmen, welches meinen Landkreis und die gesamte Stadt Basel beinhaltete, aber schon für 89 CHF erhältlich war, was damals ca. 50€ waren. Meine Wahl war somit schnell gefallen.
Dazu kam noch, dass die Professoren in den Tagen bereits quasi voraussetzten, dass die Studenten über einen Internetzugang verfügten. «Sie finden die Aufgaben/Lösungen/Probeklausuren/Informationen/… auf meiner Webseite» war ebenso alltäglich wie Aufforderungen, irgendwelche Sachen im Netz zu rechercheiren oder per E-Mail zu diskutieren. Also musste ich für meine kleine Wohnung zwangsweise noch einmal 30€ Grundgebühr für einen Telephonanschluss und 20€ für ADSL berappen.

Die Witzigkeit der BAFöG-Behörden

Fassen wir also zusammen: mit 290€ BAFöG monatlich musste folgendes bezahlt werden:
  • 207.55€ Miete + Nebenkosten
  • 17€ Semestergebühr
  • 8€ Müllgebühren
  • 9€ Semesterticket
  • 50€ Monatskarte
  • 30€ Telekom-Grundgebühr
  • 20€ ADSL
Das sind insgesamt 341.55€. Zum Glück zahlte meine Mutter, die zu dem Zeitpunkt für eine Stiftung arbeitete welche nur sehr unregelmässig Lohn auszahlte, etwas mehr als die 50€, die ihr vom BAFöG her zugemutet wurden, aber dennoch erreichte ich diesen Betrag nicht ganz und musste das Geld irgendwie strecken, um noch 10-15€ im Monat für Essen aufzubringen. Meine Kommilitonen gingen oft jeden Tag in die Mensa und ich fragte mich nur, wie sie sich die 2€ am Tag denn leisten konnten.
Ich merkte natürlich sofort, dass ich das Studium so schon alleine finanziell, aber auch zeitlich, auf gar keinen Fall schaffen konnte. Ich verbrachte die Hälfte des Tages im Hörsaal und in Übungsgruppen, die andere Hälfte fuhr ich mit Bussen und Bahnen durch das Land und erledigte meine Aufgaben oder nähte die immer vielfältigeren Löcher in meinen Klamotten wieder zusammen. Am Wochenende fand ich ab und zu Gelegenheit, ein Wenig zu arbeiten und ein paar Euro zu verdienen.
Ich ging also dazu über, in der Umgebung von Freiburg nach Wohnungen zu suchen. Leider war das ziemlich schwierig, da die Stadt sehr überlaufen ist. Unter 500€ im Monat war dort nichts zu haben was eine sinnvolle Anbindung an die Uni gehabt hätte. WG-Plätze für weniger als 500€ gab es praktisch nicht. Plätze im Studentenwohnheim waren mit 650€ noch fast das Günstigste. Doch es gab Hoffnung für mich: im nur 30 Kilometer und wenige Zugminuten entfernten Frankreich gab es Wohnungen in Grenznähe für nur 150€ inklusive Nebenkosten!
Also meldete ich mich beim Studentenwerk wegen BAFöG-Anpassungen. Man sagte mir, dass ein solcher Sprung leider nicht vertretbar sei, und dass ich nur in eine neue Wohnung ziehen durfte, wenn diese nicht mehr als ein paar Prozent teurer sei als meine alte Wohnung.
Ich fragte also, wie es denn mit den Wohnungen in Frankreich aussähe, diese bewegten sich ja klar im Budget. Man sagte mir daraufhin ganz klar: wenn ich meinen Wohnsitz während des Studiums aus Deutschland hinaus verlegen würde, verlöre ich den Anspruch auf Förderung nach dem BAFöG. (Heute weiss ich dass das offenbar nicht wahr ist, aber was sollte ich damals machen?)
Kurzum: ich steckte also auf unbestimmte Zeit im dunklen Schwarzwald fest.

Die Probleme des Überlebens

Die einzige Strategie die mir blieb war also, das Beste aus der Situation zu machen, so wie sie war. Ich ernährte mich also über Monate hinweg fast ausschliesslich von Nudeln ohne alles, ausser wenn ich einmal zu Besuch bei meinem Freund in Basel war. Ich konnte leider nichts günstigeres finden als die Nudeln im Kilo für 49ct. Ich verfluchte mich manchmal dafür, dass ich zu Lebzeiten meiner Urgrossmutter nicht von ihr gelernt hatte, die richtigen Kräuter im Wald zu finden, um mein Essen schmackhaft zu gestalten. Ab und zu schlief ich nach der Uni abends zuhause ein, nachdem ich das Nudelwasser aufgesetzt hatte, und erwachte mitten in der Nacht vom Gestank der verkohlten Nudeln, die im glühenden, wasserleeren Topf vor sich hin schmorten. Zurückblickend ist es ein Wunder, dass ich damals nie in einem Feuer gestorben bin.
Das Wasser aus dem Hahn schmeckte scheusslich, aber in der Nähe des Dorfes lief ein Bach das Tal hinab, von dem ich gut trinken konnte. Ich wäre auch in ein Zelt gezogen, wenn ich nur genug Geld gehabt hätte um mir eines zu kaufen. Aber manche Sommernächte verbrachte ich tatsächlich mit dem Schlafsack im Wald, um nicht bis nach Hause radeln zu müssen. Zum Glück gab es in der Biologie der Universität Dekontaminationsduschen, welche ich benutzen konnte.
Von Zeit zu Zeit begannen sich jedoch die Rücklastschriften zu häufen. Ich bemerkte das nicht immer sofort, da die Post nur ca. ein Drittel meiner Briefe überhaupt bis zu mir zustellte und ich tagsüber quasi nie vor Ort war, um ans Telephon zu gehen. Zum Glück hatte ich keinen Dispositionskredit, bei 0€ war Schluss. Dann wurde es Zeit, einen Monat auszusetzen, keine Monatskarte zu kaufen und wenn möglich etwas zu jobben, um das Konto wieder zu füllen. Übungen konnte ich auch von zuhause machen und ein Kommilitone schrieb zum Glück die ganzen Vorlesungen auf seinem Laptop in LaTeX mit. Er war mein grosses Vorbild, ich wollte auch schon immer einen Laptop, um meinen 166MHz-Rechner mit den 32MB RAM und den VGA-Monitor aus dem Jahre 1988 abzulösen.
Manchmal fragten mich Kommilitonen, wieso ich die letzten Wochen nicht in der Uni gewesen sei. Ich behauptete dann immer, dass sie mich einfach nicht gesehen hatten und ich ja da gewesen sei. In Wirklichkeit konnte ich es mir in der Zeit einfach nicht leisten, zur Universität zu fahren. Wenige wussten, dass ich sehr wenig Geld hatte, und fragten mich, weshalb ich denn nicht einfach arbeiten ging. Die Antwort war natürlich, weil ich den ganzen Tag im Bus sitzen musste.
Einer empfahl mir sogar, in eine schlagende Verbindung einzutreten. Er meinte, dass man dann günstig in bestimmte WGs eintreten könne, und dass es besonders tolle Aktivitäten gäbe. Ich beschloss jedoch, dass ich lieber so weiter leben wollte als mit solchen Menschen etwas zu tun zu haben, oder erst noch zusammen wohnen zu müssen.
Dennoch gelang es mir so, mehr schlecht als recht alle meine Prüfungen in der richtigen Zeit abzulegen und in die Region der Vordiplomprüfung vorzudringen.

Politische Aktivität aus Notwehr

Ich schrieb schon seit meiner früheren Kindheit gerne Software, weil es mich einfach faszinierte, ein Wesen, was viel schneller rechnen konnte als ich, dazu zu bringen, Dinge zu tun die ich will, und mir Antworten auf meine Fragen zu geben. Bereits zu Schulzeiten wurde ich dadurch in Aktivitäten auf europäischer Ebene gezogen, welche versuchten, dieses unabhängige Basteln von Individuen wie mir mit Software zu unterbinden. Sie wollten an unser Geld, und Geld hatte ich halt nicht. Also musste ich mich wehren. In meinen nächtlichen Sitzungen im Computerpool der Physik lernte ich dann auch eine sehr interessante netzpolitische Szene in Europa kennen und begann, mich dort etwas heimisch zu fühlen.
Strasbourg war von Freiburg aus gar nicht so weit entfernt, und als mir eine sehr nette Aktivistin die Reisekosten vorstreckte, begab ich mich dann des Öfteren zum Europaparlament, um Leuten klar zu machen, was es für mich bedeutet, wenn sie das tun was sie wollten. Ich nahm auch an politischen Aktionen teil. Es war eine entspannende Erholung im Vergleich zu meinem doch sehr eingeschränkten Studentenleben zuhause. Ich erhielt für die Tage, die ich jeweils dort verbrachte, unheimlich leckeres Essen und einen ganz neuen Sinn, eine Bedeutung.
Auch mein Studium entwickelte sich in der Zeit zum Besseren. Meine freundliche Gastgeberin hatte dafür gesorgt, dass ich Gelegenheit erhielt, den Kopf frei zu bekommen und mir nicht mehr so viele Sorgen um die Finanzen machen zu müssen, da ich zumindest einen Teil der Zeit eine gesicherte Nahrungsquelle hatte. Und nicht zuletzt ging es davon meiner im Laufe der Zeit angeschlagenen Gesundheit besser.
Wir errangen tatsächlich ein paar wichtige Siege in diesen Tagen und in meinem Kopf blieb hängen, dass sich politischer Aktivismus auszahlt. Nur leider blieb ich auch in ein paar Köpfen hängen und es wurde zunehmends schwierig für mich, Studentenjobs zu finden.

Das Ende

Eines Tages kam die Regierung dann auf die Idee, Studiengebühren einzuführen. Ich konnte ja trotz meines körperlichen Zustandes noch gut rechnen und wusste, dass ich mir weitere 84€ im Monat nicht leisten konnte. Also tat ich, was ich am Besten konnte, und beteiligte mich am Freiburger Frühling, den Protesten gegen die Studiengebühren.
Auch diese Zeit war für mich eine unheimliche Erleichterung. Wir besetzten das Rektorat. Endlich hatte ich eine Wohnung in der Nähe der Universität! Wir verfassten Zeitungen mit Informationen über unseren Streik und verteilten sie an die Bürger. Das lohnte sich sehr, denn daraufhin kamen z.B. die Bäcker der Stadt jeden Abend bei uns vorbei um die nicht verkauften Backwaren abzuladen und uns zuzurufen, «Gebt nicht auf! Das ist die wichtigste Zeit eures Studiums hier!»
Die meisten unserer Professoren hingegen waren gar nicht so begeistert von den ganzen Aktivitäten. Manche erzählten uns, wie nutzlos sie unseren Protest fanden und auf was für einem hohen Niveau wir uns da beschweren würden. 500€ im Semester seien ja wohl für jeden zu verschmerzen. Andere hingegen drohten uns mit Konsequenzen, wenn sie uns bei «diesen Störungen» erwischten. Nur ein paar wenige fanden den Protest wichtig und empfahlen uns sogar die Teilnahme. Die meisten meiner Kommilitonen schien das jedoch nicht so sehr zu berühren. 
Ich benutzte meine neu erlangte Zeit zum Lernen. Ich hätte auch gerne gejobbt, aber das war ziemlich schwierig geworden. Ich war einigen Leuten ein Dorn im Auge geworden. Ich nahm an den Vordiplomprüfungen teil, doch statt der erhofften Arbeit bekam ich einen Brief: ich sei zur Prüfung gar nicht zugelassen und werde exmatrikuliert. Dazu häuften sich noch ein paar andere Details, die ich an dieser Stelle nicht diskutieren will. Am Tag als unser Rektor endlich seinen Hut nahm, musste auch ich gehen.
Ich war ziemlich schockiert. 2 Jahre dieser enormen Belastung, der Auflehnung gegen die BAFöG-Bürokratie und des Extremlernens in Bus und Bahn waren einfach so beendet durch einen weissen Zettel. Ich besorgte mir über den AStA einen Anwalt, welcher mir aber nur sagen konnte, dass ich bei der Lage nicht viel tun konnte. Noch am gleichen Tag begann ich, meine paar Sachen in der Wohnung zusammen zu packen. Ich hatte es geschafft, innerhalb kurzer Zeit einen Job in der Schweiz zu bekommen, bei einer Firma, wo ich bereits zuvor mehrfach ausgeholfen hatte, und beschloss, dieses Land zu verlassen, in dem man 2 Jahre meines Lebens einfach in die Tonne treten konnte, weil ich jemandem nicht gefallen hatte.
Seitdem hat sich für mich vieles geändert. Ich habe gute Jobs gehabt und wurde recht anständig dafür entlohnt. Ich kann mir jetzt zu essen leisten was ich will. Ich esse leckeren Biokram in der Hoffnung, dass uns unser Planet dann noch etwas länger erhalten bleibt. Ich hasse Nudeln und Ketchup nicht, da der Ketchup für mich immer unerreichbar teuer gewesen war (89ct pro Flasche!).
Aber jedes Mal wenn ich heute über meine Ausgaben schaue, wird dem Studenten in mir ein Bisschen schwindelig. Ich konnte damals mit so wenig Geld überleben, denke ich dann. Was wäre, wenn ich jetzt auf Einmal nur noch 290€ zur Verfügung hätte? Könnte ich dann überhaupt noch überleben? Oder habe ich das verlernt? Ist es gefährlich, so viele Ausgaben zu haben? Ich hoffe, dass das etwas ist, was mir das Studium tatsächlich beigebracht hat: mit wenig leben zu können.
Der Geist der Vergangenheit ist stark in mir. Aber dafür gibt es für mich nichts schöneres, als mit dem Kanu campen zu fahren. Mit genug Vorräten einfach mal eine Woche ohne die Welt zu leben. Wie früher, nur mit mehr Auswahl.