Freitag, 20. September 2013

Gutmenschenweitwurf

An vielerlei Orten liest man derzeit vermehrt vom «Gutmenschentum», welches durch sogenannte «Gutmenschen» umgesetzt wird. Doch was hat das alles überhaupt zu bedeuten?

Wortstamm

Analysiert man den Wortstamm, so klingt Gutmenschentum erst einmal nach etwas sehr positivem. Menschen sind uns schliesslich am nächsten, auch wenn wir sie manchmal nicht so gut aushalten mögen. Aber das ist ja bekanntermassen menschlich. Dass wir uns dennoch alle Mühe geben, mit unseren Gegenübern auszukommen und sie zu mögen, auch wenn sie zeitweise ohrenbetäubende Quietschtöne von sich geben, ist ein Zeichen von Gutmütigkeit. Vom Wortstamm her sind Gutmenschen also vor Allem gut und menschlich, also durch und durch positiv.
Dementsprechend geben sich auch viele Leute, welchen der Begriff Gutmensch angediehen wird. Sie neigen oft dazu, anderen Leuten zu helfen, für Bedürftige zu spenden, ihre Arbeitskraft für wohltätige Zwecke bereitzustellen. Nicht selten fällt dabei auch der Begriff Philantrop. Die Gutmenschen benutzen also ihre eigenen Fähigkeiten nicht ausschliesslich dazu, sich zu bereichern, sondern setzen sich dafür ein, das Gemeinwohl zu mehren und anderen Leuten Glück zu bereiten. Das macht sie vielleicht nicht zu besseren Menschen, aber zweifellos zu guten.

Umkehrung der Bedeutung im Alltagssprachgebrauch

Wenn andere vom Gutmenschentum reden, beschleicht einen jedoch allmählich der Eindruck, dass sie es dabei nicht so positiv meinen wie der Wortstamm suggeriert. Meist werden die Worte eher verächtlich genutzt und den Leuten hinterher gerufen oder auf die Stirn gestempelt. Wie kommt das? Was ist passiert? Haben wir plötzlich das Schlechte in den Gutmenschen entdeckt?
Auf der einen Seite ist da natürlich das Misstrauen und die Missgunst. Wenn jemand viele gute Dinge tut, sammelt er unweigerlich eine Fangemeinschaft von Leuten, die das gut finden und die denjenigen dafür gern haben. Fällt dies mit der Zeit öffentlich auf, so ist es eine Belastung des Gewissens derjenigen, die nicht so viel Gutes leisten.
Dann passieren in manchen Fällen zwei Dinge:
  • die Leute fühlen sich in ihrem eigenen Wert gemindert und kritisiert. Sie sehen die Gutmütigkeit des Gutmenschen als persönlichen Angriff und entwickeln eine Antipathie gegen ihn, oder
  • sie können sich nicht vorstellen, aus welchem Antrieb jemand so viele gute Taten vollbringen würde, ohne Hintergedanken dabei zu haben. Daher werden Hintergedanken unterstellt, wie z.B. die Annahme, dass derjenige dies nur tut um die Fangemeinde um sich zu scharen und Einfluss zu gewinnen, oder gar aus viel schlimmeren verschwörerischen Motiven handelt.
Daraus ergibt sich, dass Gutmenschen häufig egoistische und negative Motive unterstellt werden. Und wer aus negativen, egoistischen Motiven handelt, hat auch zu erwarten, mit herablassender Verachtung behandelt zu werden. Somit ist für diese Leute der Begriff «Gutmensch» negativ konnotiert.
Doch auch ohne Gutmenschen versteckte Motive zu unterstellen, ist der Begriff für eine weitere Bevölkerungsgruppe negativ belegt. Dies betrifft vor Allem die Anhänger des Neoliberalismus. Diese glauben, dass der Gutmensch keine gute Entscheidung dabei trifft, wenn er seine finanziellen und materiellen Werte sowie seine Arbeitskraft in den Dienst dritter stellt. Die Weltanschauung der Neoliberalen geht hierbei davon aus, dass dies eine ziemlich dämliche Entscheidung ist, da der Gutmensch hierbei Ressourcen verschwendet, die er zur Mehrung des eigenen Wohlstandes einsetzen könnte und sollte.
Des Weiteren geht man davon aus, dass der Allgemeinheit durch diese Dienste nicht geholfen ist, sondern dass die richtige Form der Hilfe wäre, die Allgemeinheit dazu zu bewegen, ihr Problem selbst ohne externe Mittel zu lösen. Dabei fällt völlig unter den Tisch, dass der Gutmensch hierbei selbst Teil der Allgemeinheit ist und sie somit gewissermassen das Problem selbst löst.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist ein Gutmensch somit also entweder ein Verschwörer oder ein Clown.
Es gibt noch eine geschichtliche Konnotation des Begriffs Gutmensch, welcher durch TokyoMEWS bereits hinreichend beleuchtet wurde, was ich an dieser Stelle daher unterschlagen werde.

Gutmenschen-Pride

Für Leute, welche Interesse am Allgemeinwohl haben, stellt sich nun natürlich die Frage, wie sie dieses ausleben konnen, und ob Gutmenschentum überhaupt der richtige Weg ist, wenn es so viele Leute verächtlich vor sich hin sagen. Das ist natürlich eine etwas individuelle Frage, doch meiner Ansicht nach ist das Wort Gutmensch ja nicht der Grund für das Handeln.
Eine gute Empfehlung für angehende Gutmenschen wäre daher, sämtliche Konnotationen des Wortes zu vergessen. Es lohnt sich schon alleine für das eigene Wohlbefinden, andere an den eigenen Fähigkeiten und Mitteln teilhaben zu lassen. Schlussendlich ist das, was die Welt voran bringt, in einigen Fällen eben nicht das, was in kurzem Rahmen Profit abwirft.
Wenn man schlussendlich eben zu den Menschen gehört, die gerne das tun, von dem sie glauben, dass es anderen am meisten hilft, und dies für das gute Gefühl tut und nicht um die Stimmen der Menschen um sich zu gewinnen, lohnt es sich wohl am Meisten, die Stimmen, die einem das Wort im Munde negativ belegen, zu ignorieren und einfach das zu tun mit dem man sich gut fühlt. Und alleine dieser Umstand ist doch wohl für jeden ein Grund, stolz auf sich zu sein.