Montag, 30. September 2013

Die schwer erträgliche Überheblichkeit der Nerds

In Diskussionen mit anderen Leuten, welche sich zur Nerdszene zählen, fällt mir vermehrt ein Phänomen auf, welches es im Rahmen des Selbstbildes der Nerds eigentlich nicht geben sollte: das Selbstbild von Nerds ist oft unterschwellig arrogant und überheblich, ohne dass es die Nerds selbst merken.
Meistens läuft es dabei auf ein Unverständnis anderer Berufsgruppen heraus, aus dem heraus das Gefühl entsteht, dass man eigentlich viel besser über jene Berufe bescheid weiss und sie mindestens genauso gut ausüben könnte wie diejenigen, welche sie inne haben.
An einigen Beispielen wird dieses Phänomen besonders deutlich.

Cases in Point: Techwriter

Ein besonders naheliegendes Beispiel sind die Techwriter. Dabei handelt es sich um eine Berufsgruppe, deren Aufgabe darin besteht, technische Konzepte zu lernen und im Zusammenhang zu verstehen und dann darüber technische Dokumentationen zu verfassen. Diese Leute gehören allerdings selten zu den Programmierern, ihre Stärken liegen in anderen Bereichen.
Im Laufe der Zeit durfte ich einige Koryphäen dieses Gebietes kennen lernen und war sehr überrascht von der Qualität ihrer Arbeit. Ich habe einige qualitativ sehr hochwertige Dokumentation von freien Projekten oder Standards im Internet gefunden und verstanden, und als ich erwähnte, dass ich die gut fand, sagte mir eine Techwriterin «Wirklich, fandest du? Die habe ich geschrieben!» Kurzum: wenn man irgendwo so richtig tolle Dokumentation findet, die gut verständlich ist, sehr strukturiert, und die tolle Beispiele enthält, so ist sie vermutlich von einem Techwriter verfasst worden.
Von der Softwareengineering- und Systemadministrationsseite wird Dokumentation hingegen meist stiefmütterlich behandelt, wie wir alle aus leidlicher Erfahrung wissen. Die Commit-Messages unserer Arbeitskollegen sagen uns meist gar nichts, die Dokumentation existiert oft nicht erst, und wenn sie es doch tut, ist sie unvollständig, autogeneriert oder unverständlich. Sachen, die häufig desynchronisiert werden, so wie Beispiele, werden der Einfachheit weggelassen, da sie «sowieso immer veraltet sind».
Es gibt dabei ein paar technische Ansätze wie das Einfordern, dass alle Methoden und Parameter dokumentiert werden müssen, wie bei Doxygen und JavaDoc, oder dass Beispiele im Code stets compilen müssen, so wie bei Go. Diese technischen Ansätze helfen dabei, das Problem der nicht vorhandenen Dokumentation zu beheben, doch führen sie noch lange nicht dazu, dass irgendjemand die Dokumentation jemals wieder verstehen wird.
Vielenorts präsentierte mir dafür eine einfache Erklärung: die Entwickler seien einfach zu faul gute Dokumentation zu schreiben. Dies geht davon aus, dass gute Dokumentation sowie gute Commit-Messages lediglich eine Funktion der Zeit sind. Nach dieser Ansicht bräuchten wir keine Techwriter, wenn sich alle Entwickler nur lange genug hinsetzen würden und ihre Dokumentation schreiben.
Wer einmal über längere Zeit mit solchen Entwicklern zusammen gearbeitet hat, weiss, dass dies bis auf ein paar wenige glorreiche Ausnahmen nicht möglich ist. Dass Marshall Kirk McKusick, Keith Bostic, Michael J. Karels und John S. Quarterman so ein gut verständliches Buch über 4.4BSD schreiben konnten lag nicht etwa daran, dass sie sich besonders lange hin gesetzt haben, sondern daran, dass diese Menschen aus dem Lehrumfeld der Universitäten kamen und daher über sehr gute Fähigkeiten als Techwriter verfügten.
Die meisten Entwickler könnten beliebig lange beliebig viel Aufwand in ihre technische Dokumentation stecken und sie wäre immer noch unverständlich.
Das ist auch völlig in Ordnung, da es gar nicht die Aufgabe der Entwickler ist, gute technische Dokumentation zu schreiben. Dazu gibt es ja Techwriter, welche diese Aufgabe gerne übernehmen. Das Problem dabei ist lediglich, dass es in vielen Firmen eben keine Techwriter gibt, da man davon ausgeht, dass es sich bei Techwritern nur um den Bodensatz von Software Engineers handelt, welche nicht gut genug coden können und sich daher auf das Schreiben von Dokumentation zurück ziehen. Genauso gut könnte man behaupten, dass Software Engineers abgebrochene Techwriter sind, deren Schreibfähigkeiten verkümmert sind, und es wäre genauso falsch.
Techwriter haben ein erstaunliches Talent und es ist wichtig, dass man das anerkennt und auch zugesteht, dass man nicht die notwendigen Fähigkeiten hat, um diesen Berufsstand zu ersetzen.
Ich selbst habe rudimentäre Techwriter-Fähigkeiten. Wenn sich ein Techwriter meine Dokumentationen ansieht, bekomme ich oft zu hören: «Ja, das ist ja schonmal ganz gut, da kann man was draus machen.» Darauf folgen tausend kleine Änderungen und hinterher verstehe sogar ich selbst den Text. Und ich bin ihnen sehr dankbar dafür, dass sie das tun, weil ich es nämlich nicht kann.

Case in Point: Geisteswissenschaftler

Ein anderer Fall ist nicht so eine präzise Kategorie wie Techwriter, sondern die Gesamtheit der Geisteswissenschaftler.
Nerds sind meist sehr stark in den Naturwissenschaften verwachsen. Dort ist die Welt schön simpel und einfach. Wir können kleinste Teilchen im abstrakten Raum betrachten und Formeln darauf los lassen und es wird ein klar definiertes Ergebnis dabei heraus kommen, welches wir in beliebiger Form quantifizieren und reproduzieren können.
Ganz im Gegensatz ist für uns hingegen die Welt der Menschen. Wir verstehen sie oft nicht und haben keine Ahnung, was sie von uns wollen. Besonders grosse Massen von Menschen verhalten sich für unsere Ansichten oft unlogisch. Sie reagieren nicht wie einzelne Atome in der Chemie, sie sind komplexe Systeme und mit unseren Mitteln nicht vorhersagbar.
Geisteswissenschaftler hingegen bewegen sich in genau dieser Welt. Sie haben ebenfalls Formeln und Messwerte, machen Umfragen und postulieren Theorien darüber, wie sich Menschen verhalten oder was die wichtigsten Kriterien sind nach welchen man bewertet, was Realität ist. Sogar die von uns so geliebte Logik ist ein Kind der Philosophie und somit eine Geisteswissenschaft. Die Mathematik hat die Logik nur in vereinfachter Form für uns nutzbar dargestellt.
Für jemanden, der die meiste Zeit des Tages Atome miteinander verknotet oder kleine Mengen Strom so durch Leiterbahnen sendet, dass sie ein gewünschtes Ergebnis erzeugen, ist das natürlich schwarze Magie. Wir verstehen nicht, was die Psychologen da tun wenn sie tausenden von Menschen dieselbe Frage stellen und dann die Antworten sortiert auswerten. Da wir davon ausgehen, dass sich Menschen völlig erratisch verhalten, meinen wir, dass dabei ja gar nichts sinnvolles heraus kommen kann, dass jedes beliebige Ergebnis möglich wäre. Die Psychologen hingegen arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten um die Chance zu minimieren, falsche Schlüsse zu ziehen.
Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung wird dann hingegen von vielen Nerds als nutzlose Magie verurteilt, doch vergessen sie an der Stelle, dass sogar die Physik in ihren quantenmechanischen Unterbauten nur aus Wahrscheinlichkeiten besteht. Es ist also heuchlerisch, den Geisteswissenschaften hier etwas vorzuwerfen, was für das eigene Metier genauso gilt.
Und somit muss man bei genauerer Betrachtung der Arbeiten von Geisteswissenschaftlern anerkennen, dass jede dieser Wissenschaften eine sehr wichtige Funktion erfüllt auf unserer Suche danach, die Dinge zu verstehen. Während Philosophen versuchen uns dabei zu helfen, die empirischen Grundlagen der Mathematik auf etwas weniger wackelige Beine zu stellen, sorgen andere Analysten dafür, dass wir im Bus auf dem Weg nach Hause nicht von hysterischen Mitinsassen zerquetscht werden, und wieder andere versuchen, herauszufinden, wie wir uns selbst und unsere Kinder besser dazu motivieren können, sich zu der Art Individuum zu entwickeln, das sie selbst am meisten interessiert und somit am ehesten glücklich macht.
Bevor wir also wieder mit Parolen skandieren gehen wie «Geisteswissenschaften sind doch gar keine richtigen Wissenschaften», sollten wir uns erst einmal darüber gedanken machen, ob wir denn wissen, was Geisteswissenschaften überhaupt sind und ob wir selbst auf einem Fundament stehen, welches fest genug ist, dass wir solche Aussagen treffen können. Die Antwort lautet natürlich, dass wir die Geisteswissenschaften brauchen und ihnen viel zu verdanken haben.

Arroganz zum Selbstschutz

Es gibt sicher noch mehr Beispiele davon, wie Nerds ihren Gegenübern mit Überheblichkeit begegnen und erklären, dass sie viel besser können was diese Person gelernt hat. Eine gute Frage ist jedoch auch, wie wir in diese Situation gekommen sind. Was hat Nerds zu diesen arroganten Typen gemacht? Waren das nicht diejenigen, die wir immer so verabscheut haben?
Eine Theorie ist, dass dieser Beissreflex eine Form von Selbstschutz ist. Viele Nerds mussten in ihrem Schulalltag verschiedene Demütigungen über sich ergehen lassen. Sie waren häufig die Klassenbesten, hatten jedoch einen sehr schwierigen sozialen Stand. (Dies hat vermutlich auch insbesondere dazu beigetragen, dass das menschliche Verhalten als so erratisch eingeschätzt wird.) Gute Noten in der Schule werden jedoch häufig so hingestellt, als ob man ein besserer Mensch sei als derjenige, welcher schlechtere Noten erreicht hat. Daraus ergibt sich erst einmal der Eindruck, dass man fertig gemacht wird, weil man den anderen überlegen ist.
Daraus ergibt sich dann oft eine Art Lebenslüge der geistigen Überlegenheit. Bei Nerds trifft man besonders häufig das Selbstbild als Avantgarde der Gesellschaft an: die fortgeschrittendsten Menschen der Welt, die bereits in diesem Internet leben (wo ihnen niemand mehr etwas anhaben kann). Dementsprechend sind auch die Gesellschaftsstrukturen unter Nerds oft kaum zu ertragen, da sie auf dem Prinzip von Alpha-Nerds wie Linus Torvalds aufbauen, welche mit mehr oder weniger eiserner Hand ihren Tätigkeitsbereich regieren und jede Opposition mit ihren Trollfähigkeiten zerschmettern. Die Nerdfrauen, welche häufig leicht anders sozialisiert wurden, haben davon dann oft bereits nach kurzer Zeit die Nase voll und suchen sich andere Bereiche, was zum aktuellen Geschlechtermissverhältnis noch unnötig bei trägt.
Aus der Sicht der Reformpädagogik hingegen (soweit ich sie verstanden habe) sind hingegen die meisten Nerds extrem rückständig. Wer dies einmal live erleben will, braucht nur einmal modernere Schulkonzepte in den Raum zu werfen und zuzuschauen, wie diese als «Bullshit» unter den Tisch gekehrt werden, ohne dass sich irgendjemand mit den Details auseinander gesetzt hätte. Das dreigliedrige Schulsystem steht über allem anderen und darf nicht in Frage gestellt werden. (Wo kämen wir denn da hin, wenn unsere Schulnoten uns nicht mehr zur Avantgarde der Gesellschaft empor höben?) Man könnte genauso gut argumentieren, dass Bildung der wichtigste Punkt unserer Generation sei und dass die Avantgarde unserer Gesellschaft in den Rängen der Reformpädagogen rangiert, welche dort endlich einmal frischen Wind hinein bringen wollen. Denn was könnte wichtiger sein als unsere Zukunft?
Und so entwickeln sich viele Nerds im Laufe der Zeit in die Richtung. Auf der einen Seite beschwert man sich über diese unsäglichen Kunden, welche ihnen ständig technisch rein reden wollen, obwohl sie nur eine stark übervereinfachte Sicht auf die Dinge haben und sich den Rest völlig falsch zusammen reimen. Auf der anderen Seite bringen die Nerds ihre eigene laienhafte, übervereinfachte Sicht auf die Dinge mit wenn Fragen wie Mitgliedermotivation in Vereinen und Parteien zur Debatte stehen. Sie erklären dann den Psychologen und Eventmanagern, wie die Welt ihrer Meinung nach zu laufen hat, und wundern sich darüber, wenn dem Gegenüber laut die Hand ins Gesicht klatscht.
Es geht hierbei nicht darum, die Nerds zu beschimpfen oder zu verteufeln. Es braucht Nerds auf diesem Planeten. Auch Nerds erfüllen eine Lücke, in der sie ungeschlagen sind und sehr gute und wichtige Arbeit leisten. Wichtig ist aber, dass mehr Nerds anerkennen, dass sie eben nicht in der Lage sind, eigenhändig die gesamte Welt zu steuern. Auch Nerds sind keine Inseln, sondern sie besitzen eine Begabung in einem bestimmten Bereich und sind woanders auf Hilfe angewiesen. Und das ist etwas was Nerds sehr häufig zu lernen haben: Hilfe anzunehmen.