Montag, 30. September 2013

Die schwer erträgliche Überheblichkeit der Nerds

In Diskussionen mit anderen Leuten, welche sich zur Nerdszene zählen, fällt mir vermehrt ein Phänomen auf, welches es im Rahmen des Selbstbildes der Nerds eigentlich nicht geben sollte: das Selbstbild von Nerds ist oft unterschwellig arrogant und überheblich, ohne dass es die Nerds selbst merken.
Meistens läuft es dabei auf ein Unverständnis anderer Berufsgruppen heraus, aus dem heraus das Gefühl entsteht, dass man eigentlich viel besser über jene Berufe bescheid weiss und sie mindestens genauso gut ausüben könnte wie diejenigen, welche sie inne haben.
An einigen Beispielen wird dieses Phänomen besonders deutlich.

Cases in Point: Techwriter

Ein besonders naheliegendes Beispiel sind die Techwriter. Dabei handelt es sich um eine Berufsgruppe, deren Aufgabe darin besteht, technische Konzepte zu lernen und im Zusammenhang zu verstehen und dann darüber technische Dokumentationen zu verfassen. Diese Leute gehören allerdings selten zu den Programmierern, ihre Stärken liegen in anderen Bereichen.
Im Laufe der Zeit durfte ich einige Koryphäen dieses Gebietes kennen lernen und war sehr überrascht von der Qualität ihrer Arbeit. Ich habe einige qualitativ sehr hochwertige Dokumentation von freien Projekten oder Standards im Internet gefunden und verstanden, und als ich erwähnte, dass ich die gut fand, sagte mir eine Techwriterin «Wirklich, fandest du? Die habe ich geschrieben!» Kurzum: wenn man irgendwo so richtig tolle Dokumentation findet, die gut verständlich ist, sehr strukturiert, und die tolle Beispiele enthält, so ist sie vermutlich von einem Techwriter verfasst worden.
Von der Softwareengineering- und Systemadministrationsseite wird Dokumentation hingegen meist stiefmütterlich behandelt, wie wir alle aus leidlicher Erfahrung wissen. Die Commit-Messages unserer Arbeitskollegen sagen uns meist gar nichts, die Dokumentation existiert oft nicht erst, und wenn sie es doch tut, ist sie unvollständig, autogeneriert oder unverständlich. Sachen, die häufig desynchronisiert werden, so wie Beispiele, werden der Einfachheit weggelassen, da sie «sowieso immer veraltet sind».
Es gibt dabei ein paar technische Ansätze wie das Einfordern, dass alle Methoden und Parameter dokumentiert werden müssen, wie bei Doxygen und JavaDoc, oder dass Beispiele im Code stets compilen müssen, so wie bei Go. Diese technischen Ansätze helfen dabei, das Problem der nicht vorhandenen Dokumentation zu beheben, doch führen sie noch lange nicht dazu, dass irgendjemand die Dokumentation jemals wieder verstehen wird.
Vielenorts präsentierte mir dafür eine einfache Erklärung: die Entwickler seien einfach zu faul gute Dokumentation zu schreiben. Dies geht davon aus, dass gute Dokumentation sowie gute Commit-Messages lediglich eine Funktion der Zeit sind. Nach dieser Ansicht bräuchten wir keine Techwriter, wenn sich alle Entwickler nur lange genug hinsetzen würden und ihre Dokumentation schreiben.
Wer einmal über längere Zeit mit solchen Entwicklern zusammen gearbeitet hat, weiss, dass dies bis auf ein paar wenige glorreiche Ausnahmen nicht möglich ist. Dass Marshall Kirk McKusick, Keith Bostic, Michael J. Karels und John S. Quarterman so ein gut verständliches Buch über 4.4BSD schreiben konnten lag nicht etwa daran, dass sie sich besonders lange hin gesetzt haben, sondern daran, dass diese Menschen aus dem Lehrumfeld der Universitäten kamen und daher über sehr gute Fähigkeiten als Techwriter verfügten.
Die meisten Entwickler könnten beliebig lange beliebig viel Aufwand in ihre technische Dokumentation stecken und sie wäre immer noch unverständlich.
Das ist auch völlig in Ordnung, da es gar nicht die Aufgabe der Entwickler ist, gute technische Dokumentation zu schreiben. Dazu gibt es ja Techwriter, welche diese Aufgabe gerne übernehmen. Das Problem dabei ist lediglich, dass es in vielen Firmen eben keine Techwriter gibt, da man davon ausgeht, dass es sich bei Techwritern nur um den Bodensatz von Software Engineers handelt, welche nicht gut genug coden können und sich daher auf das Schreiben von Dokumentation zurück ziehen. Genauso gut könnte man behaupten, dass Software Engineers abgebrochene Techwriter sind, deren Schreibfähigkeiten verkümmert sind, und es wäre genauso falsch.
Techwriter haben ein erstaunliches Talent und es ist wichtig, dass man das anerkennt und auch zugesteht, dass man nicht die notwendigen Fähigkeiten hat, um diesen Berufsstand zu ersetzen.
Ich selbst habe rudimentäre Techwriter-Fähigkeiten. Wenn sich ein Techwriter meine Dokumentationen ansieht, bekomme ich oft zu hören: «Ja, das ist ja schonmal ganz gut, da kann man was draus machen.» Darauf folgen tausend kleine Änderungen und hinterher verstehe sogar ich selbst den Text. Und ich bin ihnen sehr dankbar dafür, dass sie das tun, weil ich es nämlich nicht kann.

Case in Point: Geisteswissenschaftler

Ein anderer Fall ist nicht so eine präzise Kategorie wie Techwriter, sondern die Gesamtheit der Geisteswissenschaftler.
Nerds sind meist sehr stark in den Naturwissenschaften verwachsen. Dort ist die Welt schön simpel und einfach. Wir können kleinste Teilchen im abstrakten Raum betrachten und Formeln darauf los lassen und es wird ein klar definiertes Ergebnis dabei heraus kommen, welches wir in beliebiger Form quantifizieren und reproduzieren können.
Ganz im Gegensatz ist für uns hingegen die Welt der Menschen. Wir verstehen sie oft nicht und haben keine Ahnung, was sie von uns wollen. Besonders grosse Massen von Menschen verhalten sich für unsere Ansichten oft unlogisch. Sie reagieren nicht wie einzelne Atome in der Chemie, sie sind komplexe Systeme und mit unseren Mitteln nicht vorhersagbar.
Geisteswissenschaftler hingegen bewegen sich in genau dieser Welt. Sie haben ebenfalls Formeln und Messwerte, machen Umfragen und postulieren Theorien darüber, wie sich Menschen verhalten oder was die wichtigsten Kriterien sind nach welchen man bewertet, was Realität ist. Sogar die von uns so geliebte Logik ist ein Kind der Philosophie und somit eine Geisteswissenschaft. Die Mathematik hat die Logik nur in vereinfachter Form für uns nutzbar dargestellt.
Für jemanden, der die meiste Zeit des Tages Atome miteinander verknotet oder kleine Mengen Strom so durch Leiterbahnen sendet, dass sie ein gewünschtes Ergebnis erzeugen, ist das natürlich schwarze Magie. Wir verstehen nicht, was die Psychologen da tun wenn sie tausenden von Menschen dieselbe Frage stellen und dann die Antworten sortiert auswerten. Da wir davon ausgehen, dass sich Menschen völlig erratisch verhalten, meinen wir, dass dabei ja gar nichts sinnvolles heraus kommen kann, dass jedes beliebige Ergebnis möglich wäre. Die Psychologen hingegen arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten um die Chance zu minimieren, falsche Schlüsse zu ziehen.
Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung wird dann hingegen von vielen Nerds als nutzlose Magie verurteilt, doch vergessen sie an der Stelle, dass sogar die Physik in ihren quantenmechanischen Unterbauten nur aus Wahrscheinlichkeiten besteht. Es ist also heuchlerisch, den Geisteswissenschaften hier etwas vorzuwerfen, was für das eigene Metier genauso gilt.
Und somit muss man bei genauerer Betrachtung der Arbeiten von Geisteswissenschaftlern anerkennen, dass jede dieser Wissenschaften eine sehr wichtige Funktion erfüllt auf unserer Suche danach, die Dinge zu verstehen. Während Philosophen versuchen uns dabei zu helfen, die empirischen Grundlagen der Mathematik auf etwas weniger wackelige Beine zu stellen, sorgen andere Analysten dafür, dass wir im Bus auf dem Weg nach Hause nicht von hysterischen Mitinsassen zerquetscht werden, und wieder andere versuchen, herauszufinden, wie wir uns selbst und unsere Kinder besser dazu motivieren können, sich zu der Art Individuum zu entwickeln, das sie selbst am meisten interessiert und somit am ehesten glücklich macht.
Bevor wir also wieder mit Parolen skandieren gehen wie «Geisteswissenschaften sind doch gar keine richtigen Wissenschaften», sollten wir uns erst einmal darüber gedanken machen, ob wir denn wissen, was Geisteswissenschaften überhaupt sind und ob wir selbst auf einem Fundament stehen, welches fest genug ist, dass wir solche Aussagen treffen können. Die Antwort lautet natürlich, dass wir die Geisteswissenschaften brauchen und ihnen viel zu verdanken haben.

Arroganz zum Selbstschutz

Es gibt sicher noch mehr Beispiele davon, wie Nerds ihren Gegenübern mit Überheblichkeit begegnen und erklären, dass sie viel besser können was diese Person gelernt hat. Eine gute Frage ist jedoch auch, wie wir in diese Situation gekommen sind. Was hat Nerds zu diesen arroganten Typen gemacht? Waren das nicht diejenigen, die wir immer so verabscheut haben?
Eine Theorie ist, dass dieser Beissreflex eine Form von Selbstschutz ist. Viele Nerds mussten in ihrem Schulalltag verschiedene Demütigungen über sich ergehen lassen. Sie waren häufig die Klassenbesten, hatten jedoch einen sehr schwierigen sozialen Stand. (Dies hat vermutlich auch insbesondere dazu beigetragen, dass das menschliche Verhalten als so erratisch eingeschätzt wird.) Gute Noten in der Schule werden jedoch häufig so hingestellt, als ob man ein besserer Mensch sei als derjenige, welcher schlechtere Noten erreicht hat. Daraus ergibt sich erst einmal der Eindruck, dass man fertig gemacht wird, weil man den anderen überlegen ist.
Daraus ergibt sich dann oft eine Art Lebenslüge der geistigen Überlegenheit. Bei Nerds trifft man besonders häufig das Selbstbild als Avantgarde der Gesellschaft an: die fortgeschrittendsten Menschen der Welt, die bereits in diesem Internet leben (wo ihnen niemand mehr etwas anhaben kann). Dementsprechend sind auch die Gesellschaftsstrukturen unter Nerds oft kaum zu ertragen, da sie auf dem Prinzip von Alpha-Nerds wie Linus Torvalds aufbauen, welche mit mehr oder weniger eiserner Hand ihren Tätigkeitsbereich regieren und jede Opposition mit ihren Trollfähigkeiten zerschmettern. Die Nerdfrauen, welche häufig leicht anders sozialisiert wurden, haben davon dann oft bereits nach kurzer Zeit die Nase voll und suchen sich andere Bereiche, was zum aktuellen Geschlechtermissverhältnis noch unnötig bei trägt.
Aus der Sicht der Reformpädagogik hingegen (soweit ich sie verstanden habe) sind hingegen die meisten Nerds extrem rückständig. Wer dies einmal live erleben will, braucht nur einmal modernere Schulkonzepte in den Raum zu werfen und zuzuschauen, wie diese als «Bullshit» unter den Tisch gekehrt werden, ohne dass sich irgendjemand mit den Details auseinander gesetzt hätte. Das dreigliedrige Schulsystem steht über allem anderen und darf nicht in Frage gestellt werden. (Wo kämen wir denn da hin, wenn unsere Schulnoten uns nicht mehr zur Avantgarde der Gesellschaft empor höben?) Man könnte genauso gut argumentieren, dass Bildung der wichtigste Punkt unserer Generation sei und dass die Avantgarde unserer Gesellschaft in den Rängen der Reformpädagogen rangiert, welche dort endlich einmal frischen Wind hinein bringen wollen. Denn was könnte wichtiger sein als unsere Zukunft?
Und so entwickeln sich viele Nerds im Laufe der Zeit in die Richtung. Auf der einen Seite beschwert man sich über diese unsäglichen Kunden, welche ihnen ständig technisch rein reden wollen, obwohl sie nur eine stark übervereinfachte Sicht auf die Dinge haben und sich den Rest völlig falsch zusammen reimen. Auf der anderen Seite bringen die Nerds ihre eigene laienhafte, übervereinfachte Sicht auf die Dinge mit wenn Fragen wie Mitgliedermotivation in Vereinen und Parteien zur Debatte stehen. Sie erklären dann den Psychologen und Eventmanagern, wie die Welt ihrer Meinung nach zu laufen hat, und wundern sich darüber, wenn dem Gegenüber laut die Hand ins Gesicht klatscht.
Es geht hierbei nicht darum, die Nerds zu beschimpfen oder zu verteufeln. Es braucht Nerds auf diesem Planeten. Auch Nerds erfüllen eine Lücke, in der sie ungeschlagen sind und sehr gute und wichtige Arbeit leisten. Wichtig ist aber, dass mehr Nerds anerkennen, dass sie eben nicht in der Lage sind, eigenhändig die gesamte Welt zu steuern. Auch Nerds sind keine Inseln, sondern sie besitzen eine Begabung in einem bestimmten Bereich und sind woanders auf Hilfe angewiesen. Und das ist etwas was Nerds sehr häufig zu lernen haben: Hilfe anzunehmen.

Sonntag, 29. September 2013

Nudeln vom Discounter und Studium im Wald

Ich habe ja eine ganz besondere Beziehung zu Nudeln mit Ketchup. Auch ich war einmal ein Student, und das in nicht besonders angenehmen Verhältnissen. Insofern unterscheidet meine Geschichte nicht allzu viel von denen, welche bereits unter #NudelnMitKetchup geteilt wurden. Aber es ist meine Geschichte und ich möchte sie schon noch separat los werden. In dieser Form habe ich sie noch nie jemandem vollständig erzählt, nicht einmal meine Mutter weiss, wie damals alles verlaufen ist und in welcher Situation ich mich befand. Es ist eben nicht leicht, so etwas zuzugeben, da Mangel in unserer Gesellschaft geächtet ist.
Ich verbrachte meine Schulzeit wie so viele meiner Vorredner an einem Gymnasium unter Umständen, mit denen ich so ziemlich alleine da stand. Meine Mutter war Akademikerin, ja. Sie studierte und hatte zwei Nebenjobs, um mich irgendwie mit durchzubekommen. Alle anderen an meiner Schule waren Kinder von Professoren, Doktoren, Ärzten, Notaren. Kurzum: die Nachwuchs-Avantgarde der Gesellschaft. Aber um die Schulzeit soll es ja auch nicht gehen. Meine Mutter hat dafür gesorgt, dass ich durch kam und nicht hungern musste, und ich habe dafür gesorgt, dass Nachrichten über Klassenfahrten und Schulfeste gar nicht erst zu ihr durch drangen und sie noch mehr finanziell belasteten. Es lebte sich.
Die schwierige Zeit begann eigentlich, als mir der Brief mit der Einberufung ins Haus flatterte. Ich sollte mich während der Schulzeit im 40 Kilometer entfernten Kreiswehrersatzamt einfinden. Also begann ich und schrieb ein 300-seitiges Pamphlet zum Thema Pazifismus, Leben, Tod und Gewissen, schwang mich auf mein Fahrrad und gab mir alle Mühe, rechtzeitig aufzutauchen. Wer hat denn schon Geld für öffentliche Nahverkehrsmittel; das Bisschen Geld auf dem Konto wollte ich mir für alle Eventualitäten aufheben. Pünktlich zum Kunstunterricht war ich dann auch wieder in der Schule.
Da sich kein klar denkender Mensch 300 Seiten durchlesen würde, wurde ich also zum Zivildienst beordert. Meine Stelle war im Schwarzwald. Also kratzte meine Mutter ihr Geld zusammen und bezahlte mir den Umzug, mein Vater (geschieden von meiner Mutter) konnte das Geld für die Kaution aufbringen, meine Grosseltern hatten jahrelang gespart um mir einen Führerschein bezahlen zu können, und so zog ich in eine Wohnung ein, welche nur 25 Kilometer von der Zivildienststelle entfernt war und nur 450 Höhenmeter höher lag. Das geschah noch im Juli, direkt nach dem Abitur.

Warten auf den Zivildienst

Ich war da, meine Zivildienststelle leider nicht. Also begann ich mich nach Jobs umzuschauen. Ich musste jedem potentiellen Arbeitgeber wahrheitsgemäss sagen, dass ich den Job jederzeit aufgeben können müsste um mit dem Zivildienst zu beginnen. Als Ungelernten wollte mich natürlich keiner zu solchen ungünstigen Konditionen haben, also blieb mir nur der Gang zum Arbeitsamt. Dort konnte man mir allerdings nicht helfen, da es nach Ende der Schulzeit eine Sperrfrist gab, innerhalb derer man keine Bezüge vom Arbeitsamt bekommen konnte.
Ich hielt mich also mit Praktika über Wasser. Ich arbeitete einmal 4 Wochen lang in einem Krankenhaus um den Patienten das Essen anzureichen, sie zu baden und Kathederbeutel und volle Windeln zu entleeren.Dort versprach man mir, mich für meine Unkosten und noch etwas mehr zu entlohnen. Als ich einen Monat nach dem Praktikum immer noch kein Geld erhalten hatte, fragte ich einmal nach und bekam die Antwort «Na, für solche Arbeit können wir Ihnen leider nichts geben.»
Auf dem Arbeitsamt empfahl man mir dann, beim Sozialamt (gibt es so etwas heute eigentlich noch?) einen Antrag auf Wohngeld zu stellen. Gesagt, getan. Man sagte mir, dass der Antrag vermutlich etwas länger brauchte, da gerade Feriensaison sei (im August oder so).
Die Monate strichen ins Land und mein Konto ging immer weiter gegen 0. Zum Glück bekam ich jeden Monat eine kleine Unterstützungszahlung von meiner Mutter. Ich reduzierte meine Nahrungszufuhr und versuchte, wenn ich nicht gerade zu Praktika ging, ruhig im Wald zu liegen und möglichst wenig Energie zu verbrennen. Ich begann, mich von Spaghetti aus dem Edeka in der nahe gelegenen Stadt zu ernähren, welche nur 0.49€ für ein Kilo kosteten. Von Zeit zu Zeit machte sich mein Grossvater auf die stundenlange Fahrt zu mir, um mich für ein paar Tage zu meiner Familie zu bringen und mir ein paar Esswaren da zu lassen.
Wer jedoch nicht sehr kommunikativ war, waren das Bundesamt für Zivildienst und das Sozialamt. Bei beiden Stellen hiess es immer nur, ich solle mich bitte gedulden, mein Antrag werde bearbeitet. Und so begann es zu frieren und zu schneien. Praktikum um Praktikum vergingen, aber einen Job fand ich nicht.
Schliesslich, Anfang Januar, flatterten mir zwei lang erwartete Briefe ins Haus.
Der erste war vom Bundesamt für Zivildienst. Ich durfte auf Anfang Februar meinen Zivildienst endlich beginnen. Das Warten hatte ein Ende! Nach 7 Monaten warten würde ich endlich wieder leben dürfen!
Der andere war vom Sozialamt. Man habe gehört, dass ich jetzt Zivildienstleistender sei. Als Zivildienstleistender habe ich keinen Anspruch auf Wohngeld, und mein Antrag werde daher vollumfassend abgelehnt.

Ankunft in der Universität

Der Zivildienst verlief finanziell gesehen sehr positiv. Ich bekam einen Sold von immerhin 7.40€ am Tag und man zahlte mir die Wohnung. Ich bekam sogar von der Zivildienststelle Essen und ein lieber Arzt, der dort arbeitete, brachte mir ab und zu selbstgebackenes Brot mit. Ich hatte den Eindruck, im Schlaraffenland zu leben. (Auf allen anderen Ebenen war der Zivildienst nicht so toll und ich könnte darüber sicher noch eine Reihe von Blogposts schreiben, aber das verbietet ja das Papier, welches ich als Zivildienstleistender unterschreiben musste.)
Aufgrund der 7 Monate Verzögerung zum Beginn des Zivildienstes überlappten leider das Ende selbigens und der Beginn des Semesters an der Universität deutlich. Ich hatte mir zwar allen Urlaub des Zivildienstes auf das Ende der Zeit gelegt, doch teilte mir die Pflegedienstleitung als ich bereits im Urlaub hätte sein sollen mit, dass ich «jetzt schon bis zum Ende verplant sei und ich das früher hätte anmelden müssen». Also tauschte ich Schichten mit anderen, so dass ich nur noch Spät- und Nachtschichten hatte, fuhr morgens zur Uni und kam mittags zurück, um rechtzeitig zum Zivildienst aufzutauchen. Dass ich eine schriftliche Erklärung bei der Matrikulierung abgegeben hatte, dass ich meinen Urlaub benutzen würde, da ich eigentlich nicht während des Zivildienstes studieren durfte, war dabei erst einmal egal.
Ich nahm mir auch einen Nachmittag frei um für das Ende meines Zivildienstes BAFöG zu beantragen. Vorzeitig, da ich wusste, dass einige meiner Kommilitonen damit grosse Probleme hatten und lange darauf warten mussten. Man forderte mich auf, Kontoauszüge für die letzten 10 Jahre vorzulegen (kein Witz!) und meine Eltern einige Formulare ausfüllen zu lassen. Zum Glück bin ich ein sehr gewissenhafter Mensch und hatte tatsächlich Kontoauszüge 10 Jahre in die Vergangenheit.
Ich wurde dann noch ein paar Mal vorgeladen um Kontobewegungen aus diesen 10 Jahren zu erklären. Diese waren nicht immer ganz einfach, da es mir nicht so leicht fällt, mich zu erinnern, wofür ich 7 Jahre in der Vergangenheit eine Zahlung über 100DM erhalten hatte und dergleichen. Ich fand das damals gar nicht so absurd, 100DM waren für mich schon immer sehr viel Geld gewesen.
Nun begab es sich, dass ich zum Ende meines Zivildienstes eine Entschädigungszahlung des Staates über 650€ erhielt. Das machte die Herren des BAFöG sehr erbost und ich erhielt eine dreimonatige Sperre für das BAFöG, die ich erst «aus eigenen Mitteln» leben sollte, solange ich diese noch hatte.
Schliesslich wurde mein BAFöG bewilligt. Meine Mutter durfte 50€ zahlen, mein Vater musste gar nichts zuzahlen, da er zu wenig Geld hatte. Der Staat gab mir saftige 240€ im Monat dazu. 290€ BAFöG sind schliesslich genug für jedermann. Für die Wohnung bekam ich leider kein Geld, da sie ausserhalb des Landkreises Freiburg lag, somit musste ich die immerhin 207.55€ dafür selber berappen.

Logistik

Da ich mit der Wohnung noch auf den Zivildienst eingestellt war, musste ich ebenfalls jeden Morgen um 5 Uhr aus dem Haus laufen (das Fahrrad konnte ich nicht benutzen, da sonst die Fahrt teurer geworden wäre). Um 5:45 Uhr fuhr 4 Kilometer und 220 Höhenmeter weiter in der Stadt der Bus auf den Pass der Bergkette, die uns von Freiburg trennte. Der erste Bus aus meinem Dorf fuhr erst viel später. Auf dem Pass angekommen musste ich in einen anderen Bus umsteigen, welcher eine Weile später etwa eine Stunde lang über sämtliche Dörfer der Umgebung bis zum nächstgelegenen Bahnhof der Höllentalbahn fuhr. Der Bus schlängelte sich dabei über malerische Serpentinen vorbei an von betrunkenen Jägern erschossenen Verkehrsschildern ins Tal. Dort verpasste ich dann stets die Regionalbahn und durfte eine halbe Stunde warten um dann schliesslich um 07:43 im Freiburger Hauptbahnhof anzukommen; gerade früh genug um die erste Vorlesung zu erreichen.
Der Heimweg war etwas anders. Ich konnte dann mit der Höllentalbahn bis zum Feldberger Bahnhof fahren, dem höchstgelegenen Bahnhof Deutschlands, in dessen Nähe ich bereits ein paar Praktika gemacht hatte. Nach einiger Wartezeit kam dort dann auch ein Bus vorbei, welcher mich wieder die Serpentinen hinab bis zu meiner Wohnung fuhr. Ich musste nicht einmal weit laufen. Das Problem war nur der Donnerstag, denn donnerstags hatte ich Astrophysik bis 21:45 Uhr. Um diese Zeit fuhr kein Bus mehr zu mir nach Hause. Also fuhr ich im Sommer nachts mit dem Fahrrad über die Berge nach Hause und verbrachte im Winter viele Nächte im Computerpool der Physik oder nutzte meine Monatskarten, um bei einem Freund in Basel zu übernachten. Ich musste dabei aber stets darauf achten, dass er nicht erfuhr, weshalb ich ihn fast wöchentlich besuchte; wer will sich schon gerne diese Blösse geben?
Ich bin ihm bis heute zutiefst dankbar dafür, dass er das ohne weitere Fragen für mich gemacht hat.
Aber die Fahrkarten waren in der Tat ein weiteres Problem. Als Student hatte ich Anspruch auf ein Semesterticket im Landkreis Freiburg, wofür ich lediglich einmal pro Semester 50€ auf den Tisch legen musste, also 9€ im Monat. Ich wohnte nun allerdings ausserhalb des Landkreises und somit ausserhalb des Verkehrsverbundes, für den dieses Ticket gültig war. Ich hatte also die Wahl, mir für 68€ im Monat noch ein Monatsticket meines eigenen Landkreises zu besorgen, oder ich konnte das Monatsticket aus der Schweiz nehmen, welches meinen Landkreis und die gesamte Stadt Basel beinhaltete, aber schon für 89 CHF erhältlich war, was damals ca. 50€ waren. Meine Wahl war somit schnell gefallen.
Dazu kam noch, dass die Professoren in den Tagen bereits quasi voraussetzten, dass die Studenten über einen Internetzugang verfügten. «Sie finden die Aufgaben/Lösungen/Probeklausuren/Informationen/… auf meiner Webseite» war ebenso alltäglich wie Aufforderungen, irgendwelche Sachen im Netz zu rechercheiren oder per E-Mail zu diskutieren. Also musste ich für meine kleine Wohnung zwangsweise noch einmal 30€ Grundgebühr für einen Telephonanschluss und 20€ für ADSL berappen.

Die Witzigkeit der BAFöG-Behörden

Fassen wir also zusammen: mit 290€ BAFöG monatlich musste folgendes bezahlt werden:
  • 207.55€ Miete + Nebenkosten
  • 17€ Semestergebühr
  • 8€ Müllgebühren
  • 9€ Semesterticket
  • 50€ Monatskarte
  • 30€ Telekom-Grundgebühr
  • 20€ ADSL
Das sind insgesamt 341.55€. Zum Glück zahlte meine Mutter, die zu dem Zeitpunkt für eine Stiftung arbeitete welche nur sehr unregelmässig Lohn auszahlte, etwas mehr als die 50€, die ihr vom BAFöG her zugemutet wurden, aber dennoch erreichte ich diesen Betrag nicht ganz und musste das Geld irgendwie strecken, um noch 10-15€ im Monat für Essen aufzubringen. Meine Kommilitonen gingen oft jeden Tag in die Mensa und ich fragte mich nur, wie sie sich die 2€ am Tag denn leisten konnten.
Ich merkte natürlich sofort, dass ich das Studium so schon alleine finanziell, aber auch zeitlich, auf gar keinen Fall schaffen konnte. Ich verbrachte die Hälfte des Tages im Hörsaal und in Übungsgruppen, die andere Hälfte fuhr ich mit Bussen und Bahnen durch das Land und erledigte meine Aufgaben oder nähte die immer vielfältigeren Löcher in meinen Klamotten wieder zusammen. Am Wochenende fand ich ab und zu Gelegenheit, ein Wenig zu arbeiten und ein paar Euro zu verdienen.
Ich ging also dazu über, in der Umgebung von Freiburg nach Wohnungen zu suchen. Leider war das ziemlich schwierig, da die Stadt sehr überlaufen ist. Unter 500€ im Monat war dort nichts zu haben was eine sinnvolle Anbindung an die Uni gehabt hätte. WG-Plätze für weniger als 500€ gab es praktisch nicht. Plätze im Studentenwohnheim waren mit 650€ noch fast das Günstigste. Doch es gab Hoffnung für mich: im nur 30 Kilometer und wenige Zugminuten entfernten Frankreich gab es Wohnungen in Grenznähe für nur 150€ inklusive Nebenkosten!
Also meldete ich mich beim Studentenwerk wegen BAFöG-Anpassungen. Man sagte mir, dass ein solcher Sprung leider nicht vertretbar sei, und dass ich nur in eine neue Wohnung ziehen durfte, wenn diese nicht mehr als ein paar Prozent teurer sei als meine alte Wohnung.
Ich fragte also, wie es denn mit den Wohnungen in Frankreich aussähe, diese bewegten sich ja klar im Budget. Man sagte mir daraufhin ganz klar: wenn ich meinen Wohnsitz während des Studiums aus Deutschland hinaus verlegen würde, verlöre ich den Anspruch auf Förderung nach dem BAFöG. (Heute weiss ich dass das offenbar nicht wahr ist, aber was sollte ich damals machen?)
Kurzum: ich steckte also auf unbestimmte Zeit im dunklen Schwarzwald fest.

Die Probleme des Überlebens

Die einzige Strategie die mir blieb war also, das Beste aus der Situation zu machen, so wie sie war. Ich ernährte mich also über Monate hinweg fast ausschliesslich von Nudeln ohne alles, ausser wenn ich einmal zu Besuch bei meinem Freund in Basel war. Ich konnte leider nichts günstigeres finden als die Nudeln im Kilo für 49ct. Ich verfluchte mich manchmal dafür, dass ich zu Lebzeiten meiner Urgrossmutter nicht von ihr gelernt hatte, die richtigen Kräuter im Wald zu finden, um mein Essen schmackhaft zu gestalten. Ab und zu schlief ich nach der Uni abends zuhause ein, nachdem ich das Nudelwasser aufgesetzt hatte, und erwachte mitten in der Nacht vom Gestank der verkohlten Nudeln, die im glühenden, wasserleeren Topf vor sich hin schmorten. Zurückblickend ist es ein Wunder, dass ich damals nie in einem Feuer gestorben bin.
Das Wasser aus dem Hahn schmeckte scheusslich, aber in der Nähe des Dorfes lief ein Bach das Tal hinab, von dem ich gut trinken konnte. Ich wäre auch in ein Zelt gezogen, wenn ich nur genug Geld gehabt hätte um mir eines zu kaufen. Aber manche Sommernächte verbrachte ich tatsächlich mit dem Schlafsack im Wald, um nicht bis nach Hause radeln zu müssen. Zum Glück gab es in der Biologie der Universität Dekontaminationsduschen, welche ich benutzen konnte.
Von Zeit zu Zeit begannen sich jedoch die Rücklastschriften zu häufen. Ich bemerkte das nicht immer sofort, da die Post nur ca. ein Drittel meiner Briefe überhaupt bis zu mir zustellte und ich tagsüber quasi nie vor Ort war, um ans Telephon zu gehen. Zum Glück hatte ich keinen Dispositionskredit, bei 0€ war Schluss. Dann wurde es Zeit, einen Monat auszusetzen, keine Monatskarte zu kaufen und wenn möglich etwas zu jobben, um das Konto wieder zu füllen. Übungen konnte ich auch von zuhause machen und ein Kommilitone schrieb zum Glück die ganzen Vorlesungen auf seinem Laptop in LaTeX mit. Er war mein grosses Vorbild, ich wollte auch schon immer einen Laptop, um meinen 166MHz-Rechner mit den 32MB RAM und den VGA-Monitor aus dem Jahre 1988 abzulösen.
Manchmal fragten mich Kommilitonen, wieso ich die letzten Wochen nicht in der Uni gewesen sei. Ich behauptete dann immer, dass sie mich einfach nicht gesehen hatten und ich ja da gewesen sei. In Wirklichkeit konnte ich es mir in der Zeit einfach nicht leisten, zur Universität zu fahren. Wenige wussten, dass ich sehr wenig Geld hatte, und fragten mich, weshalb ich denn nicht einfach arbeiten ging. Die Antwort war natürlich, weil ich den ganzen Tag im Bus sitzen musste.
Einer empfahl mir sogar, in eine schlagende Verbindung einzutreten. Er meinte, dass man dann günstig in bestimmte WGs eintreten könne, und dass es besonders tolle Aktivitäten gäbe. Ich beschloss jedoch, dass ich lieber so weiter leben wollte als mit solchen Menschen etwas zu tun zu haben, oder erst noch zusammen wohnen zu müssen.
Dennoch gelang es mir so, mehr schlecht als recht alle meine Prüfungen in der richtigen Zeit abzulegen und in die Region der Vordiplomprüfung vorzudringen.

Politische Aktivität aus Notwehr

Ich schrieb schon seit meiner früheren Kindheit gerne Software, weil es mich einfach faszinierte, ein Wesen, was viel schneller rechnen konnte als ich, dazu zu bringen, Dinge zu tun die ich will, und mir Antworten auf meine Fragen zu geben. Bereits zu Schulzeiten wurde ich dadurch in Aktivitäten auf europäischer Ebene gezogen, welche versuchten, dieses unabhängige Basteln von Individuen wie mir mit Software zu unterbinden. Sie wollten an unser Geld, und Geld hatte ich halt nicht. Also musste ich mich wehren. In meinen nächtlichen Sitzungen im Computerpool der Physik lernte ich dann auch eine sehr interessante netzpolitische Szene in Europa kennen und begann, mich dort etwas heimisch zu fühlen.
Strasbourg war von Freiburg aus gar nicht so weit entfernt, und als mir eine sehr nette Aktivistin die Reisekosten vorstreckte, begab ich mich dann des Öfteren zum Europaparlament, um Leuten klar zu machen, was es für mich bedeutet, wenn sie das tun was sie wollten. Ich nahm auch an politischen Aktionen teil. Es war eine entspannende Erholung im Vergleich zu meinem doch sehr eingeschränkten Studentenleben zuhause. Ich erhielt für die Tage, die ich jeweils dort verbrachte, unheimlich leckeres Essen und einen ganz neuen Sinn, eine Bedeutung.
Auch mein Studium entwickelte sich in der Zeit zum Besseren. Meine freundliche Gastgeberin hatte dafür gesorgt, dass ich Gelegenheit erhielt, den Kopf frei zu bekommen und mir nicht mehr so viele Sorgen um die Finanzen machen zu müssen, da ich zumindest einen Teil der Zeit eine gesicherte Nahrungsquelle hatte. Und nicht zuletzt ging es davon meiner im Laufe der Zeit angeschlagenen Gesundheit besser.
Wir errangen tatsächlich ein paar wichtige Siege in diesen Tagen und in meinem Kopf blieb hängen, dass sich politischer Aktivismus auszahlt. Nur leider blieb ich auch in ein paar Köpfen hängen und es wurde zunehmends schwierig für mich, Studentenjobs zu finden.

Das Ende

Eines Tages kam die Regierung dann auf die Idee, Studiengebühren einzuführen. Ich konnte ja trotz meines körperlichen Zustandes noch gut rechnen und wusste, dass ich mir weitere 84€ im Monat nicht leisten konnte. Also tat ich, was ich am Besten konnte, und beteiligte mich am Freiburger Frühling, den Protesten gegen die Studiengebühren.
Auch diese Zeit war für mich eine unheimliche Erleichterung. Wir besetzten das Rektorat. Endlich hatte ich eine Wohnung in der Nähe der Universität! Wir verfassten Zeitungen mit Informationen über unseren Streik und verteilten sie an die Bürger. Das lohnte sich sehr, denn daraufhin kamen z.B. die Bäcker der Stadt jeden Abend bei uns vorbei um die nicht verkauften Backwaren abzuladen und uns zuzurufen, «Gebt nicht auf! Das ist die wichtigste Zeit eures Studiums hier!»
Die meisten unserer Professoren hingegen waren gar nicht so begeistert von den ganzen Aktivitäten. Manche erzählten uns, wie nutzlos sie unseren Protest fanden und auf was für einem hohen Niveau wir uns da beschweren würden. 500€ im Semester seien ja wohl für jeden zu verschmerzen. Andere hingegen drohten uns mit Konsequenzen, wenn sie uns bei «diesen Störungen» erwischten. Nur ein paar wenige fanden den Protest wichtig und empfahlen uns sogar die Teilnahme. Die meisten meiner Kommilitonen schien das jedoch nicht so sehr zu berühren. 
Ich benutzte meine neu erlangte Zeit zum Lernen. Ich hätte auch gerne gejobbt, aber das war ziemlich schwierig geworden. Ich war einigen Leuten ein Dorn im Auge geworden. Ich nahm an den Vordiplomprüfungen teil, doch statt der erhofften Arbeit bekam ich einen Brief: ich sei zur Prüfung gar nicht zugelassen und werde exmatrikuliert. Dazu häuften sich noch ein paar andere Details, die ich an dieser Stelle nicht diskutieren will. Am Tag als unser Rektor endlich seinen Hut nahm, musste auch ich gehen.
Ich war ziemlich schockiert. 2 Jahre dieser enormen Belastung, der Auflehnung gegen die BAFöG-Bürokratie und des Extremlernens in Bus und Bahn waren einfach so beendet durch einen weissen Zettel. Ich besorgte mir über den AStA einen Anwalt, welcher mir aber nur sagen konnte, dass ich bei der Lage nicht viel tun konnte. Noch am gleichen Tag begann ich, meine paar Sachen in der Wohnung zusammen zu packen. Ich hatte es geschafft, innerhalb kurzer Zeit einen Job in der Schweiz zu bekommen, bei einer Firma, wo ich bereits zuvor mehrfach ausgeholfen hatte, und beschloss, dieses Land zu verlassen, in dem man 2 Jahre meines Lebens einfach in die Tonne treten konnte, weil ich jemandem nicht gefallen hatte.
Seitdem hat sich für mich vieles geändert. Ich habe gute Jobs gehabt und wurde recht anständig dafür entlohnt. Ich kann mir jetzt zu essen leisten was ich will. Ich esse leckeren Biokram in der Hoffnung, dass uns unser Planet dann noch etwas länger erhalten bleibt. Ich hasse Nudeln und Ketchup nicht, da der Ketchup für mich immer unerreichbar teuer gewesen war (89ct pro Flasche!).
Aber jedes Mal wenn ich heute über meine Ausgaben schaue, wird dem Studenten in mir ein Bisschen schwindelig. Ich konnte damals mit so wenig Geld überleben, denke ich dann. Was wäre, wenn ich jetzt auf Einmal nur noch 290€ zur Verfügung hätte? Könnte ich dann überhaupt noch überleben? Oder habe ich das verlernt? Ist es gefährlich, so viele Ausgaben zu haben? Ich hoffe, dass das etwas ist, was mir das Studium tatsächlich beigebracht hat: mit wenig leben zu können.
Der Geist der Vergangenheit ist stark in mir. Aber dafür gibt es für mich nichts schöneres, als mit dem Kanu campen zu fahren. Mit genug Vorräten einfach mal eine Woche ohne die Welt zu leben. Wie früher, nur mit mehr Auswahl.

Samstag, 21. September 2013

Baut kleine, basisdemokratische Vereine auf

Ich habe den grössten Teil der letzten 3 Monate damit verbracht, einen Makerspace mit dem Namen Starship Factory aufzubauen. Da ich die Statuten und Teile des Reglements mit verfasst habe, war ich gezwungen, mich in diesem Rahmen genauer mit dem Vereinsrecht auseinander zu setzen, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen.
Ein Makerspace ist ein sehr kreativer Verein, welcher seinen Sinn im Experimentieren und Schaffen von Neuem sieht. Kreativität ist also nicht nur ein Plus, sondern quasi der einzige Vereinszweck. Um dabei erfolgreich zu sein, war es daher besonders wichtig, sich Gedanken um die Strukturen zu machen und zu überlegen, wie man der Gesamtheit der Mitglieder die beste Möglichkeit gibt, sich kreativ einzubringen und das zu erreichen, was sie ihren Zielen näher bringt.
Dazu war es zunächst wichtig, sich zu überlegen, welche Erfahrungen wir in der Vergangenheit mit Vereinen gehabt haben, und wie sich diese Erfahrungen unter Umständen strukturell vermeiden lassen.

Was läuft schief?

Eine der wichtigeren Fragen, die sich ein Verein regelmässig stellen muss, ist: was läuft schief? Was stört die Leute am meisten, und wie können wir das in Zukunft vermeiden? Es ist also wichtig, dass die Vereinsstrukturen in einem gewissen Rahmen flexibel sind. Am Besten ist es an vielen Punkten, wenn einfach nicht viele Strukturen existieren, die einen hindern. Es braucht aber viele Strukturen, welche die Mitglieder unterstützen. Und ein paar Vorkehrungen, welche die Mitglieder des Vereins davon abhalten, andere Mitglieder in ihren Projekten oder gar in ihrer Persönlichkeit zu behindern.

Das heilige römische Reich e.V.

Ein Pattern, was sich in vielen Vereinen beobachten lässt, ist, dass sie von einem sehr enthusiastischen und sehr fähigen Gründer in die Welt gesetzt werden. Oft florieren diese Vereine dann über Jahre und expandieren recht gut, und jeder hat den Eindruck, dass jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen kann.
Dann, eines Tages, hat der Gründer andere Pläne. Er tritt zurück um sich auf andere Dinge zu konzentrieren, oder er zieht in einen anderen Ort in einem anderen Land, oder deutlich schlimmere Dinge geschehen. Dies erzeugt stets auch ein Vakuum, da der Enthusiasmus des Gründers fehlt. In manchen Fällen führt dies dann zur totalen Paralyse des Vereins, der sich fortan nicht mehr selbst organisieren kann, da niemand mehr willens oder fähig ist, die Aufgaben zu übernehmen, welche der Gründer ursprünglich ausgeführt hat. Das führt zu Frustration, Stagnation und somit zu Mitgliederverlust, da die Mitglieder ja freiwillig da sind und sich dann fragen, wofür sie noch ihre Mitgliedsbeiträge zahlen sollen.
Daher ist es wichtig, direkt bei der Gründung eines Vereins darauf zu achten, dass man die Arbeit auf möglichst viele Schultern verteilt um zu vermeiden, dass der Verein zu einer Art Personenkult verkommt, wo ohne die zentrale Person nichts mehr funktioniert.
Für den CCC e.V. in Deutschland zum Beispiel war Wau Holland eine solche zentrale Figur für die Diskussionskultur. Er erfüllte die sehr wichtige Aufgabe, die Diskussionen in den Newsgruppen zu leiten und darauf zu achten, dass alle Mitglieder fair und friedlich miteinander diskutierten. Nicht selten warf er in Diskussionen Mails ein, welche mit den Worten «So nicht, mein Lieber!» begannen. Dies war ein sehr wichtiger Dienst für die Mitglieder des CCC, und als Wau im Jahr 2001 verstarb, riss dieses Ereignis eine riesige Lücke in die Newsgruppen des CCC, von der sich auch heute viele noch nicht erholt hatten. Vielfach wird dort immer noch gewaltsam diskutiert und die zielorientierte Debatte bleibt nicht selten dabei auf der Strecke.

Die Weisen gehen zurück ins Morgenland

Wenn Leute einen Verein gründen, so ist es häufig das erste Mal, dass diejenigen Leute in einem gemeinsamen Verein organisiert sind. Oft handelt es sich dabei aber um eine Gruppe, die einander bereits vorher durch Freundschaft verbunden war. Dadurch ergibt sich eine natürliche gute Zusammenarbeit im Vereinsvorstand, den Gründungsmitglieder ja zwangsläufig irgendwie befüllen müssen. Das ist eine gute Voraussetzung für einen Verein, da der Vorstand effizienter arbeiten kann und miteinander mehr in kurzer Zeit erreicht als ein Vorstand, der sich erst gegenseitig erforschen muss und Wege der Zusammenarbeit finden.
Gleichzeitig birgt sich hierin jedoch auch eine Gefahr. Der Vorstand wird zu einem eingespielten Team, welches gemeinsam herausfindet, wie man den Verein am besten leiten kann. Doch irgendwann wird dann der Punkt kommen, wo sich das erste Vorstandsmitglied entscheidet, die Aufgabe abzugeben. Ein gut gewachsener Verein wird dann vermutlich jemanden nachrücken lassen, der nicht zum Freundeskreis der Gründer kommt, um «neuen Wind» in den Verein zu bringen. Das ist ja an sich auch eine sehr gute und notwendige Überlegung. Wer kreativ sein will, muss auch Neues ausprobieren.
Wenn der erste Vorstand geht, gesellen sich häufig weitere Vorstandsmitglieder der Freundesliga dazu und legen ebenfalls ihr Amt nieder. Im Rahmen von ein bis zwei Jahren (zwei bis drei Mitgliederversammlungen) wird dann oft der gesammte Vorstand ausgetauscht, vor allem, wenn die ursprünglichen Freunde Probleme haben, sich auf die neuen Vorstände einzustellen und die Lust an ihrem Amt verlieren.
Nun ist es in sehr vielen Vereinen nicht üblich, Dokumentation zu führen. Daraus ergibt sich ein sehr grosses Problem für die nachrückenden Vorstände, da sie ein Amt übernehmen von dem niemand so genau weiss was der Vorgänger eigentlich alles gemacht hat. Oft weiss der Vorgänger das auch nicht mehr so genau, weil es einfach im Kopf festgelegte Abläufe waren, welche man zwar wiederholen kann, doch nur sehr schwer im Einzelnen benennen.
Der Nachfolgevorstand der zweiten Generation macht daher also seine Arbeit oft besonders schlecht, weil sie zuerst einmal in ein Vakuum fallen, welches der erste Vorstand ihnen hinterlassen hat. Mitglieder kommen mit Anfragen und Bitten, doch der Vorstand wird Monate brauchen um erst einmal herauszufinden, was zur Erfüllung dieser Bitten alles dazu gehört. In der Folge werden Dinge falsch oder unvollständig ausgeführt, was den neuen Vorständen später auf die Füsse fällt und dazu führt, dass sie sich endlos verzetteln. Die Folge davon sind ebenfalls wieder Frustration, Stagnation und Mitgliederschwund.
Ein Teil der Lösung dieses Problems ist natürlich, rigorose Dokumentation der Vorstandsarbeit zu fordern. Wenn der Vorstand über alles was er tut Bericht ablegt und Anleitungen schreibt, wird es für nachrückende Vorstände einfacher, diese Aufgaben zu übernehmen und in guter Qualität zu erledigen.
Nun sind die meisten Menschen keine guten Schreiber für Dokumentation und daher schnell von der Aufgabe geschlaucht. Wenn der Vorstand jeden Tag die meiste Zeit daran sitzt, Dokumentationen zu schreiben, wird er auch wenig Fortschritt erreichen können und die Vorstandsmitglieder sind schnell ausgebrannt in Anbetracht der langen Liste an Todos.
Die logische Lösung dessen liegt natürlich darin, die Aufgaben auf so viele Schultern wie möglich zu verteilen. Hierzu kann man natürlich einen gigantischen Vorstand erzeugen, in dem jeder nur sehr wenig gut definierte Aufgaben hat und den Rest der Zeit mit allen anderen streitet. Die andere, einfachere Lösung hingegen ist es, die Arbeitslast des Vorstands zu reduzieren. Wenn der Vorstand nicht viele Kompetenzen hat, kann ein Vorstandsamt auch leicht weitergereicht werden.

Die Demokratische Volksrepublik von Vereinistan

Eine dritte Problematik, die häufig auftritt, hat ebenfalls mit der zweiten (oder jeder folgenden) Generation von Vereinsvorständen zu tun. Das Aufbauen eines neuen Vereins ist ein sehr aufwändiger Job, welcher viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt. Daher ist die erste Generation von Vereinsvorständen häufig mit Machern besetzt, welche unheimlich viel für den Verein leisten. Die Mitglieder gehen daher oft den logischen Weg und räumen dem Vorstand besonders viele Entscheidungskompetenzen und Budgets ein, da diese sonst oft der limitierende Faktor sind, welcher den Verein am Wachsen und Gedeihen hindert. Als Gegenleistung bekommen die Mitglieder alles was sie sich vom Verein erhofft haben in viel kürzerer Zeit.
An einem gewissen Punkt jedoch tritt der Austausch des Vorstandes in die zweite Generation ein. Und irgendwann dann die Dritte. Da der Verein zu dem Zeitpunkt bereits etabliert ist und funktioniert, ist ein Posten im Vorstand dann attraktiver geworden für Mitglieder, welche sich diesen Posten aus anderen Gründen wünschen. Oft machen sich diese Mitglieder durch lautstark geäusserte Visionen der Vereinszukunft bekannt und beliebt. Das ist vermutlich auch ernst gemeint und die Leute haben wirklich diese Ideale. Nun sind sie dann bekannt und werden auf der nächsten Mitgliederversammlung in den Vorstand oder gar zum Präsidenten gewählt.
Hier kommt jedoch die andere Natur der Person zu tragen: der Diktator. Die Macht, welche den Gründungsvorständen eingeräumt wurde, fällt den Mitgliedern nun auf die Füsse. Der Vorstand beginnt, sich so aufzuführen, als ob der ganze Verein ihnen gehören würde. Es werden mit Getöse die Regeln gebrochen, während die Mitglieder alles einhalten müssen, was einmal an Regeln aufgestellt wurde. Benutzt ein Mitglied Vereinseigentum, an dem gerade ein Vorstand Interesse hat, so schiebt der Vorstand das Mitglied beiseite mit Verweis auf die eigene vermeintlich höhere Priorität.
Gleichfalls werden mit Hilfe des Vereinsvermögens nicht selten Dinge angeschafft, welche vor Allem den Interessen des Vorstandes dienen und von den Mitglieder mitgetragen werden müssen. Das frustriert natürlich wiederum die Mitglieder, welche ihre Beiträge verschwendet sehen und dann den Verein verlassen.
Und somit vergraulen solche Vorstände dann oft aktive Mitglieder und verwandeln den Verein in eine Art Privatclub, wo die Interessen weniger Mitglieder gefördert werden, während die Kreativität und Motivation der anderen Mitglieder arg strapaziert wird. Dies kann durchaus zur Auflösung des Vereins führen.
Der einzige Weg diese Art übernahme zu verhindern besteht darin, dem Vorstand möglichst wenig eigene Kompetenzen einzuräumen. Dadurch wird ein Vorstandsposten unattraktiv für Leute, welche vor Allem ihre eigenen Interessen vertreten und Macht ergreifen und ausüben wollen. Erlangt nun dennoch ein von Macht und Eigeninteresse Getriebener einen wichtigen Vorstandsposten im Verein, so hat er kaum Möglichkeiten, Schaden anzurichten, wenn der Vorstand sowieso nicht die Entscheidungen trifft, sondern lediglich über sehr wenig, klar definierte Kompetenzen verfügt.

Im Rotlichtbezirk des Vereins

Völlig unabhängig vom Vorstand ist es auch Mitgliedern von Vereinen möglich, grossen Schaden anzurichten, indem sie sich widrig verhalten und andere Mitglieder dadurch behindern oder anderweilig schädigen. Werden zum Beispiel bei Treffen regelmässig von Einzelnen Videos mit grosser Lautstärke geschaut, oder sogar am Tisch herumgereicht, werden alle darin behindert, ihren eigenen kreativen Ideen nachzugehen oder sich mit anderen auszutauschen. Somit stellt sich natürlich die Frage, warum sie überhaupt erst gekommen sind, wenn sie sowieso kein Wort ihres Gegenübers verstehen können.
Ein anderes Beispiel ist sexistische, rassistische oder anderweilige Diskriminierung. In vielen Vereinen ist vor Allem sexistisches und rassistisches Verhalten sehr stark verwurzelt. Das liegt häufig daran, dass irgendjemand einmal begann, das Verhalten unter dem Deckmantel der Komik oder auch Satire zu etablieren. Ist der erste Witz gefallen, so gibt es für den Verein oft nur den Weg weiter abwärts und schon bald ist es eine völlige Selbstverständlichkeit, den Anwesenden erniedrigende Sprüche anzugedeihen. Ist dieses Verhalten erst einmal verbreitet, so ist es für die Betroffenen schwierig, dagegen anzugehen, da dann häufig Sprüche fallen wie «Hab dich nicht so, es war doch nicht ernst gemeint» oder «Das musst du doch auch mal abkönnen».
Natürlich lässt sich niemand gern beleidigen, und daher beginnen die betroffenen Mitglieder dann mit Vermeidungsverhalten und erscheinen nicht mehr zu Treffen und Anlässen, bis sie schliesslich austreten. Dadurch wird das Bewusstsein für die Problematik natürlich noch weiter abgestumpft, wodurch sichergestellt wird, dass nie wieder jemand aus der betroffenen Bevölkerungsgruppe Lust hat, am Vereinsleben teil zu nehmen.
Die Folge dessen ist selbstverständlich eine intenisve geistige Verarmung des Vereins. Auf der einen Seite wandern wichtige Mitglieder mit interessanten Ideen ab, auf der anderen Seite etablieren sich Sitten, welche ganz offensichtlich nicht besonders geistig hochwertig sind. Dies kann auch für andere Mitglieder unangenehm werden, ganz besonders wenn sie von der Diskriminierung betroffene Freunde haben, welche einen sozialen Druck ausüben den Verein als Peinlichkeit zu betrachten und hinter sich zu lassen. Dadurch wird die geistige Verarmung noch beschleunigt.
Diesen Problemen kann man mit gesundem Menschenverstand beikommen, solange dieser bei allen Mitgliedern vorhanden ist. Wenn das jedoch nicht mehr der Fall ist, kann es sehr schwierig sein, wieder auf den richtigen Weg zurück zu finden. Daher empfiehlt sich ein grobes Regelwerk, welches einige wichtige Punkte für das gemeinsame Zusammenarbeiten darlegt. Es muss nicht sehr exakt sein und detailreich jede mögliche Situation beschreiben; oft ist es nur ein grosser Vorteil wenn man darauf verweisen kann und sagen: das ist die Art und Weise, wie wir uns hier verhalten wollen. Bitte tu es uns gleich.

Ein alternatives Modell

Ein einfacher Weg, diese Probleme zu umgehen, ist alternatives Denken. Die meisten Vereine sind nach dem Prinzip aufgebaut, dass ein Präsident einen kleinen Vorstand leitet, welcher über die Belange des ganzen Vereins entscheidet und alle 1, 2 oder 4 Jahre neu gewählt wird. Es gibt jedoch kein Gesetz, welches eine solche Vereinsstruktur vorschreibt. Man kann also entweder die Statuten und Organisationsformen von anderen Vereinen kopieren, oder man startet ein Experiment mit ungewissem, doch möglicherweise viel besserem Ergebnis.
Die Starship Factory ist diesen Weg gegangen. Dort gibt es einen Präsidenten und einen Vorstand, doch diese verfügen über keinerlei Entscheidungsgewalt. Da sie für den Verein und sein Vermögen einstehen müssen und nach Aussen repräsentativ sind, ist der Vorstand als Einziges dazu legitimiert, Anträge zurückzuweisen, welche dem Gesetz oder den Vereinsregeln widersprechen würden.
Ansonsten werden alle Entscheidungen in einem monatlichen Plenum getroffen, statt dass der Vorstand sich direkt einmischen kann. Dadurch kann jeder an der Entscheidungsfindung teilhaben und die getroffenen Entscheidungen werden breiter demokratisch legitimiert. Gleichzeitig bietet das monatliche Intervall die Möglichkeit, an den restlichen Tagen des Monats Arbeiten für den eigentlichen Vereinszweck zu leisten, da die demokratischen Aufwände auf einen einzigen Tag im Monat beschränkt werden.
Dazu ist es natürlich wichtig, die Plenarsitzungen möglichst kurz und effizient zu halten, um an nur einem Tag im Monat alle wichtigen Entscheidungen fällen zu können. Dabei helfen Regeln der Kommunikation, welche von Selbstverständlichkeiten wie dass man das Gegenüber ausreden lassen soll bis zu komplexen Theorien der themenzentrierten Interaktion reichen. Das wichtige Prinzip hinter all den Regeln ist natürlich der gegenseitige Respekt und die Frage: was ist überhaupt wichtig, und was ist belanglos? Was muss im Plenum entschieden werden und was braucht man eigentlich gar nicht entscheiden?
Um sämtliche Mitglieder auf dem aktuellen Stand zu halten und somit gute Entscheidungen zu ermöglichen ist es natürlich wichtig, gute Dokumentation anzufertigen und jedermann zur Verfügung zu stellen. Dabei stellt sich dann oft heraus, das ein Verein nicht allzu viele Geheimnisse haben braucht. Dinge, welche das Privatleben der Mitglieder direkt betreffen, wie zum Beispiel die Höhe der Mitgliedsbeiträge oder ähnliche finanzielle fragen, sind natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und vermutlich nicht einmal bei jedem Mitglied gut aufgehoben. Andere Fragen wie wo denn das Geld her kommt und wo es hin fliesst können sehr gut öffentlich sein, da sie die Aktivitäten des Vereins direkt betreffen, ohne mit Persönlichkeitsrechten zu kollidieren.
Was sich ebenfalls lohnt, ist eine gute, öffentliche Todo-Liste, wie zum Beispiel ein Ticketsystem. Dies erlaubt Nichtmitgliedern, zu erahnen, an welchen Punkten sie sich einbringen könnten, wenn sie denn Mitglieder werden würden. Dadurch findet man leichter passende Mitglieder und diese können sich sicher sein, beim richtigen Verein zu sein.
Der andere wichtige Punkt des Ticketsystems ist natürlich, dass man einfach nachvollziehen kann, wie Probleme in der Vergangenheit gelöst wurden und was man verbessern kann. Ausserdem beantwortet sich die Frage dadurch recht schnell, was man so in der Vergangenheit alles getan hat, oder was noch bevor steht.

Experimente

Dieses Modell ist natürlich nicht besonders detailiert und kommt sehr experimentell daher. Dennoch verspricht es einen Fortschritt gegenüber den herkömmlichen Vereinen, welche überall durch Kopien anderer Vereine entstehen. Das Experimentelle dabei ist auch sehr wichtig und muss selbstverständlich stets hoch gehalten werden: wenn eine Regel oder eine Struktur nicht funktioniert, muss man etwas ändern, damit es besser weiter gehen kann, und dann wieder experimentieren. Dies ist ein kreativer Prozess. Der Makerspace der Zukunft erschafft also nicht nur Objekte, er erschafft sich auch selbst und geht immer wieder neu aus sich hervor. Damit es Fortschritt gibt, ist es notwendig, dass neue Wege probiert werden, statt immer nur die alten zu kopieren.
Somit vertrauen wir darauf, dass wir mit der Starship Factory eine Organisation finden werden, mit der die Mitglieder, Unterstützer und Interessierten darin unterstützt werden, ihre Ideen zu verwirklichen und sich zu neuen Ideen inspirieren zu lassen. Das gilt auch in Bezug auf die Vereinsform selbst: wenn andere Vereine ebenfalls nach dem Vorbild strukturiert werden, dass die Entscheidungsgewalt von allen ausgeht, wäre das eine interessante und vermutlich gute Entwicklung.

Freitag, 20. September 2013

Gutmenschenweitwurf

An vielerlei Orten liest man derzeit vermehrt vom «Gutmenschentum», welches durch sogenannte «Gutmenschen» umgesetzt wird. Doch was hat das alles überhaupt zu bedeuten?

Wortstamm

Analysiert man den Wortstamm, so klingt Gutmenschentum erst einmal nach etwas sehr positivem. Menschen sind uns schliesslich am nächsten, auch wenn wir sie manchmal nicht so gut aushalten mögen. Aber das ist ja bekanntermassen menschlich. Dass wir uns dennoch alle Mühe geben, mit unseren Gegenübern auszukommen und sie zu mögen, auch wenn sie zeitweise ohrenbetäubende Quietschtöne von sich geben, ist ein Zeichen von Gutmütigkeit. Vom Wortstamm her sind Gutmenschen also vor Allem gut und menschlich, also durch und durch positiv.
Dementsprechend geben sich auch viele Leute, welchen der Begriff Gutmensch angediehen wird. Sie neigen oft dazu, anderen Leuten zu helfen, für Bedürftige zu spenden, ihre Arbeitskraft für wohltätige Zwecke bereitzustellen. Nicht selten fällt dabei auch der Begriff Philantrop. Die Gutmenschen benutzen also ihre eigenen Fähigkeiten nicht ausschliesslich dazu, sich zu bereichern, sondern setzen sich dafür ein, das Gemeinwohl zu mehren und anderen Leuten Glück zu bereiten. Das macht sie vielleicht nicht zu besseren Menschen, aber zweifellos zu guten.

Umkehrung der Bedeutung im Alltagssprachgebrauch

Wenn andere vom Gutmenschentum reden, beschleicht einen jedoch allmählich der Eindruck, dass sie es dabei nicht so positiv meinen wie der Wortstamm suggeriert. Meist werden die Worte eher verächtlich genutzt und den Leuten hinterher gerufen oder auf die Stirn gestempelt. Wie kommt das? Was ist passiert? Haben wir plötzlich das Schlechte in den Gutmenschen entdeckt?
Auf der einen Seite ist da natürlich das Misstrauen und die Missgunst. Wenn jemand viele gute Dinge tut, sammelt er unweigerlich eine Fangemeinschaft von Leuten, die das gut finden und die denjenigen dafür gern haben. Fällt dies mit der Zeit öffentlich auf, so ist es eine Belastung des Gewissens derjenigen, die nicht so viel Gutes leisten.
Dann passieren in manchen Fällen zwei Dinge:
  • die Leute fühlen sich in ihrem eigenen Wert gemindert und kritisiert. Sie sehen die Gutmütigkeit des Gutmenschen als persönlichen Angriff und entwickeln eine Antipathie gegen ihn, oder
  • sie können sich nicht vorstellen, aus welchem Antrieb jemand so viele gute Taten vollbringen würde, ohne Hintergedanken dabei zu haben. Daher werden Hintergedanken unterstellt, wie z.B. die Annahme, dass derjenige dies nur tut um die Fangemeinde um sich zu scharen und Einfluss zu gewinnen, oder gar aus viel schlimmeren verschwörerischen Motiven handelt.
Daraus ergibt sich, dass Gutmenschen häufig egoistische und negative Motive unterstellt werden. Und wer aus negativen, egoistischen Motiven handelt, hat auch zu erwarten, mit herablassender Verachtung behandelt zu werden. Somit ist für diese Leute der Begriff «Gutmensch» negativ konnotiert.
Doch auch ohne Gutmenschen versteckte Motive zu unterstellen, ist der Begriff für eine weitere Bevölkerungsgruppe negativ belegt. Dies betrifft vor Allem die Anhänger des Neoliberalismus. Diese glauben, dass der Gutmensch keine gute Entscheidung dabei trifft, wenn er seine finanziellen und materiellen Werte sowie seine Arbeitskraft in den Dienst dritter stellt. Die Weltanschauung der Neoliberalen geht hierbei davon aus, dass dies eine ziemlich dämliche Entscheidung ist, da der Gutmensch hierbei Ressourcen verschwendet, die er zur Mehrung des eigenen Wohlstandes einsetzen könnte und sollte.
Des Weiteren geht man davon aus, dass der Allgemeinheit durch diese Dienste nicht geholfen ist, sondern dass die richtige Form der Hilfe wäre, die Allgemeinheit dazu zu bewegen, ihr Problem selbst ohne externe Mittel zu lösen. Dabei fällt völlig unter den Tisch, dass der Gutmensch hierbei selbst Teil der Allgemeinheit ist und sie somit gewissermassen das Problem selbst löst.
In der öffentlichen Wahrnehmung ist ein Gutmensch somit also entweder ein Verschwörer oder ein Clown.
Es gibt noch eine geschichtliche Konnotation des Begriffs Gutmensch, welcher durch TokyoMEWS bereits hinreichend beleuchtet wurde, was ich an dieser Stelle daher unterschlagen werde.

Gutmenschen-Pride

Für Leute, welche Interesse am Allgemeinwohl haben, stellt sich nun natürlich die Frage, wie sie dieses ausleben konnen, und ob Gutmenschentum überhaupt der richtige Weg ist, wenn es so viele Leute verächtlich vor sich hin sagen. Das ist natürlich eine etwas individuelle Frage, doch meiner Ansicht nach ist das Wort Gutmensch ja nicht der Grund für das Handeln.
Eine gute Empfehlung für angehende Gutmenschen wäre daher, sämtliche Konnotationen des Wortes zu vergessen. Es lohnt sich schon alleine für das eigene Wohlbefinden, andere an den eigenen Fähigkeiten und Mitteln teilhaben zu lassen. Schlussendlich ist das, was die Welt voran bringt, in einigen Fällen eben nicht das, was in kurzem Rahmen Profit abwirft.
Wenn man schlussendlich eben zu den Menschen gehört, die gerne das tun, von dem sie glauben, dass es anderen am meisten hilft, und dies für das gute Gefühl tut und nicht um die Stimmen der Menschen um sich zu gewinnen, lohnt es sich wohl am Meisten, die Stimmen, die einem das Wort im Munde negativ belegen, zu ignorieren und einfach das zu tun mit dem man sich gut fühlt. Und alleine dieser Umstand ist doch wohl für jeden ein Grund, stolz auf sich zu sein.

Dienstag, 10. September 2013

Makerblasen im Hackerspace

Makerspaces sind bekanntlich eine ganz tolle Sache und da ich auch schon immer einmal einen haben wollte, habe ich mich einer Gruppe von Leuten angeschlossen, die in Basel einen gründen wollen: die Starship Factory.
Bis dahin ging ich eigentlich davon aus, dass Makerspaces im Wesentlichen eine Entwicklung der Hackerspaces waren, welche mehr auf die Ebene der physikalischen Entwicklung arbeitet, aber auch auf das elektronische Verbessern und Erweitern von allem was einem so in die Hände kommt. Das entspricht auch der Erfahrung meiner Freunde. Wir haben bereits einige Hackerspaces besucht, welche sich mit 3D-Druckern, Lasern, Lötstationen, Nähmaschinen, Zuschneidetischen und dergleichen ausgestattet haben. Das prominenteste Beispiel ist wohl das RaumZeitLabor in Mannheim, welches eine Mischung aus Hackerspace und Makerspace darstellt.
Im Rahmen der Planung der Starship Factory haben wir dann das FabLab Zürich besucht, da unsere Recherche ergeben hat, dass die FabLabs die am meisten verbreiteten Makerspaces in der Schweiz sind. Dieser Besuch war sehr lehrreich und wurde auch im Factory-Wiki dementsprechend umfangreich dokumentiert.
Neben all den interessanten Eigenheiten und der schnell wachsenden Mitgliederliste des FabLabs Zürich war die Zusammensetzung des Publikums sehr interessant. Zuerst einmal hatten wir festgestellt, dass die Informatik dort von Laien gemacht wird; es gibt grundlegende Infrastruktur wie ein Blog und ein Projektmanagementsystem (Basecamp). Für die Kommunikation gibt es dann noch die passende Facebook-Gruppe. Alles über Drittanbieter gelöst.
Im Gespräch stellte es sich dann heraus, dass die meisten Mitglieder des Fablab Zürich Architekten sind; Informatiker sind so gut wie überhaupt nicht vertreten. Wir wurden dann über die FabLab-Organisation aufgeklärt, welche das Modell der Fablabs vom MIT vertritt. Diese FabLabs stellen eine ganz eigene Makerkultur dar, welche sich nicht aus der Hackerszene entwickelt hat. Der Grundsatz ist die Annahme, dass man mit einem 3D-Drucker, einer CNC-Fräse und einem Lasercutter annähernd alles herstellen kann. Ob man diese Ansicht jetzt vertritt oder nicht, es ist eine ganz eigene Kultur und hat sich völlig unabhängig von den Hackerspaces entwickelt.
Die Ansicht der FabLab-Architekten auf Hackerspaces ist ebenfalls interessant. Die Ansicht ist, dass dort hauptsächlich programmiert wird und Sicherheitslücken gebrochen, und dass dort Leute im T-Shirt mit Kapuze die ganze Zeit auf Bildschirme starren. Das finden die Architekten gar nicht so spannend und wollen es auch nicht unbedingt haben. Und so haben sich interessanterweise zwei sehr ähnliche Szenen parallel zueinander entwickelt, die nichts voneinander wussten, aber dieselben Ziele verfolgen. Vermutlich ein Paradebeispiel für eine Filterblase auf beiden Seiten.
Die interessante Aufgabe, vor der wir nun stehen, ist, diese zwei Kreise zu vereinigen. Das bedeutet für die Leute aus dem Hackerspace vor Allem, dass es sehr wichtig ist, dass die Kerninfrastruktur, also alles, was man für die Mitarbeit braucht, a) ansprechend und b) einfach zu bedienen sein muss.
Ausserdem heisst es, dass die Ansprüche an den sozialen Umgang miteinander, der in den Hackerspaces zeitweise etwas leidet, deutlich angehoben werden müssen. Mitglieder müssen freundlich sein und miteinander darüber reden, was ansteht. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich neue Besucher einfach neben die Anwesenden setzen, den Laptop aufklappen und im IRC mit tippen. Oder ihre Projekte einfach durchführen und damit glücklich sind.
Es ist sehr zentral und wichtig, dass die Menschen miteinander soziale Kontakte knüpfen, damit eine emotionale Bindung an den Makerspace und seine Mitglieder entstehen kann. Gleichzeitig sind interessante und anspruchsvolle Projekte wichtig, denn das ist ja das Ziel eines Makerspaces. Was sonst noch wichtig sein wird, wird sicher interessant. Und ich hoffe, dass die Starship Factory nicht der letzte Ort sein wird, an dem versucht wird, die Brücke zwischen allen Subkulturen zu überwinden, welche sich für handwerkliches Arbeiten und Basteln interessieren.